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Die österreichische Netzzeitschrift EVOLVER war und ist das erste und einzige von professionellen Autoren betriebene Online-Magazin im deutschen Sprachraum. Später wurde der EVOLVER auch zur Plattform für journalistische Nachwuchstalente, die hier erstmals die Möglichkeit haben, ihre Texte professionell betreuen und veröffentlichen zu lassen.

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  • 07/09/14--21:45: Games_ Watch_Dogs
  • Grand Theft Data

    An jeder Ecke hängen Kameras, die Passanten filmen; unsere Smartphones geben alle Daten und Bewegungsprofile an Herstellerfirmen weiter; die NSA überwacht unsere Gespräche, Mails und Kurznachrichten. Wer das Überwachungssystem kontrolliert, kontrolliert die Welt ... und in diesem Game auch seine Mitmenschen.

    Ubisoft schoß sich ein Eigentor. Die aufwendige und lang andauernde Promophase für "Watch_Dogs" schürte immense Erwartungen, die von vornherein kaum zu erfüllen waren. Das fertige Produkt schafft dies auch nicht. Es ist aber dennoch ein liebevoll gestaltetes Sandbox-Game, das mit einigen Überraschungen aufwartet.

    Zur Handlung: Chicago, die nahe Zukunft. Die gesamte Stadt ist vernetzt. Infrastruktur, Kommunikation und Dienstleistungen werden über ein omnipotentes Betriebssystem abgewickelt: das ctOS (City Operating System). Das sammelt außerdem munter Daten über sämtliche Einwohner. Kurzum: Wer ctOS kontrolliert, kontrolliert Chicago. Doch ein Mann hat dieses Machtmonopol der Stadtverwaltung gebrochen. Sein Name ist Aiden Pearce, seine Mission ist Rache, und seine Waffe ist ein Smartphone.

    Die Story ist eine Stärke des Titels, daher möchten wir uns hier kurz fassen. Aiden ist ein formidabler Hacker, den seine Fähigkeiten gern mal zum Spiel mit dem Feuer veranlassen. Eines Tages wird dabei jemand verbrannt. Der folgende Rachefeldzug ist nur der Auftakt eines dramatischen und wendungsreichen Epos. Dabei lebt die Geschichte von den Charakteren. Sie wirken menschlich, handeln nachvollziehbar und wachsen dem Spieler unweigerlich ans Herz. Da wäre etwa die liebevolle, besorgte Schwester. Oder der ehemalige Partner, von Gram und Frust zerfressen. Oder die Verbündete, die zwar helfen möchte, mit den brutalen Ereignissen jedoch emotional überfordert ist. Vielfalt und Tiefgang - bravo!

    Erzählt wird das Ganze in klassischen Missionen. Einmal muß Aiden ein Gebäude infiltrieren, ein andermal eine Person in einer Menge ausfindig machen oder auch einem Unhold den Garaus machen. Eskortmissionen und Verfolgungsjagden gehören auch dazu. So weit, so gewohnt. Spannend wird´s dann aber dank Aidens Methoden: Per Knopfdruck werden Sicherheitskameras zu seinen Augen. Dank Profiler-Funktion erkennt er, daß eine der Wachen unter Paranoia leidet - Vorratsdatenspeicherung macht´s möglich. Schwupps, eine SMS mit Morddrohung unter unbekannter Nummer versandt. Während der Mann schweißgebadet auf sein Handy starrt, schleicht sich Aiden ungesehen an ihm vorbei.

    Alternativ könnte er den Wachleuten auch ohrenbetäubenden Lärm durch den Helmfunk jagen, ihre elektronisch gesteuerten Granaten zum Explodieren bringen oder sie einfach durch gezielte Ablenkungen wie beispielsweise laute Hebebühnen vom Posten locken. Wer gern schleicht, kann hier richtig kreativ werden. Im Nahkampf lassen sich Feinde dann auch lautlos ausschalten. Außerdem ist es möglich, Gadgets wie Bomben oder Störsender aus Einzelteilen zu basteln. Schießwütige Naturen kommen dank reichhaltigem Waffenarsenal ebenfalls auf ihre Kosten. Die Schußwechsel sind jedoch wenig aufregend: Deckung suchen, raus, ballern, Granate, ballern, Mission geschafft. Da macht es weit mehr Spaß, aus den Schatten heraus mittels Fernzünder und Kameranetzwerk gezielte Hinterhalte zu legen. Das ist meist herausfordernder, aber gerade deswegen befriedigender.

     

    Sandbox-Gameplay, Autos, Feuergefechte ... Der Vergleich mit "GTA" liegt auf der Hand. Doch den muß "Watch_Dogs" nicht scheuen. Gerade im Design der Spielwelt läßt Ubisoft Montreal die Muskeln spielen. Chicago lebt. Es ist mehr als nur ein schick gestalteter Rahmen für die Ereignisse rund um Mr. Pearce. Denn ctOS ist allgegenwärtig. Dank dem schon erwähnten Profiler kann der Spieler Informationen über jeden einzelnen Passanten abrufen. Hier geht Marcus Brogan, hohes Einkommen, noch höhere Spielschulden. Da vorne die Maklerin Ashley Cable. Wir könnten ihr Konto hacken und uns ein hübsches Sümmchen abzwicken, doch sie kämpft sich gerade durch einen harten Scheidungsprozeß. Sollen wir? Plötzlich schlägt das System Alarm. Ganz in der Nähe wurde ein Verbrechen gemeldet. Wir eilen hin, erblicken den fliehenden Dieb, zielen - und sehen, daß er einen behinderten Sohn hat.

    Solche Entscheidungen wirken sich nicht auf das Spiel aus. Es geht nur um den moralischen Kompaß des Spielers, und es bleibt jedem überlassen, wie sehr er sich darauf einlassen möchte. Auf jeden Fall gewinnt "Watch_Dogs" durch derartige Details ungemein an Atmosphäre. Neben den alltäglichen Heldentaten gibt´s noch jede Menge zu tun. Sammelaufgaben, Informationsbeschaffung, Fahrmissionen. Die Hauptstory ist zwar nach gut 30 Stunden durch, doch wer wirklich alles sehen will, kommt auf seine Kosten.

    Besonders cool sind die Online-Aufträge. Sobald der Spieler frei in Chicago herumschlendert, kann er von anderen Spielern herausgefordert werden. Sollte er annehmen, geht es direkt ins Geschehen. Neben einer CtF-Variante und klassischen Wettrennen sind besonders die "Mobile Challenges" sowie die Hackerjagden interessant. Bei ersteren muß der Spieler per Auto Wegpunkte abfahren, während ein anderer User ihn daran hindern soll. Er hat dazu das ctOS mitsamt Ampeln, Brücken etc. sowie die Polizei unter seiner Kontrolle.

    Beim Online-Hacking steigt ein User ins Spiel eines anderen ein und versucht, seine Daten zu stehlen. Dazu muß er sich eine gewisse Zeit lang im Umfeld des anderen aufhalten. Der Clou: Für die User sieht der jeweils andere Hacker wie ein normaler Passant aus. Das Ergebnis ist ein hochspannendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem beide Spieler taktisch klug agieren müssen.

     

    "Watch_Dogs" leidet allerdings unter einem klassischen Problem der zeitgenössischen AAA-Games. Es spielt sich teilweise selbst. Dabei erinnert es frappierend an Ubisofts Flaggschiff "Assassins Creed". Durch das simple Halten zweier Knöpfe klettert und springt Aiden im "Freerun"-Modus durch die Umwelt. Der Nahkampf besteht aus einem kurzen Tastendruck, der den Feind stets auf die Bretter schickt. Und bei Verfolgungsjagden gibt das Spiel den korrekten Zeitpunkt zum Auslösen der Hacking-Fallen vor. Drück den Knopf, wenn das Symbol aufleuchtet. Action wird zum Quicktime-Event, der Spieler verkommt eher zum Zuseher. Klar, es sieht meistens bombastisch aus, wie Aiden geschmeidig animiert Wachleute ausknipst oder Autos per gesprengtem Dampfrohr durch die Luft jagt. Aber wir haben uns ein Spiel gekauft, keinen Film.

    Am Ende liegt es am Spieler, wieviel Spaß er mit "Watch_Dogs" hat. Auf die dichte Atmosphäre des Titels muß man sich einlassen, und die Herausforderungen stellt sich der Spieler am besten selbst. Wie bei einem Smartphone liegt es hier ganz am Nutzer, wieviel er aus den Funktionen herausholt.

     

    Watch_Dogs

    ØØØØ

    (Ubisoft Montreal)

    Erhältlich für: PC, WiiU, PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360

    Der gläserne Depp


    Marc Elsberg - ZERO. Sie wissen, was du tust

    "Die Menschen lebten ganz gut ohne Privatsphäre, bis sie ein raffinierter Anwalt vor hundert Jahren erfand." Das behaupten die, uns bis auf die Knochen durchleuchten. Der Wiener Bestseller-Autor Marc Elsberg hat daran so seine Zweifel.

    Wie wir die NSA verwirrten ...


    Kolumne: Ausweiskontrolle

    Im Internet sind die Lauscher immer und überall. Digitale Selbstverteidigung ist angesagt. Die notwendigen Tips gibt Steffan Heuer in seinem Buch "Mich kriegt ihr nicht!"  


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    Der gläserne Depp

    "Die Menschen lebten ganz gut ohne Privatsphäre, bis sie ein raffinierter Anwalt vor hundert Jahren erfand." Das behaupten die, uns bis auf die Knochen durchleuchten. Der Wiener Bestseller-Autor Marc Elsberg hat daran so seine Zweifel.

    Vielleicht stand auch bei Firmen wie Facebook, Google, Apple oder Amazon am Anfang der Wunsch, etwas Gutes zu bewirken. Etwas, das uns den Alltag erleichtert. Und uns begeistert.

    Doch wenn wir etwas aus der Geschichte der Menschheit gelernt haben, dann das, daß die Revolution immer ihre Kinder frißt. Am Ende bleibt der Wunsch, das große Geld zu verdienen. Das Streben nach Macht. Das Monopol. Und was das wiederum anrichtet, sobald es in die falschen Hände gerät, sollte hinreichend bekannt sein.

    Die, die es nicht wissen, sollten den neuen Thriller von Marc Elsberg lesen.

    "ZERO. Sie wissen was du tust" handelt von Freemee, einem neuen Social Network, dem ganz heißen Ding der Stunde. Der Erfinder verkündet: "Unser oberstes Bestreben ist es, jedem Menschen die denkbar beste Entfaltung seiner individuellen Fähigkeiten zu ermöglichen und so ein friedliches, glückliches und für alle gedeihliches Zusammenleben auf der ganzen Welt zu schaffen."

    Zwar müssen die Leute die Freemee-Website mit ihren persönlichsten Daten füttern, doch im Austausch daür leisten die Freemee-Ratgeber-Apps wertvolle Hilfe, dank der sich das Leben aller zum Positiven entwickelt: mehr Freunde, mehr Erfolg, mehr Geld - was könnte schöner sein?

    Das findet auch Viola, Cynthias Tochter, die sich vom Gothic-Mauerblümchen zum hübschen It-Girl wandelt, gute Schulnoten inklusive. Selbst Cynthia, anfangs skeptisch, erliegt der Versuchung, helfen ihr die Freemee-Ratschläge doch, besser bei ihrem netten Arbeitskollegen zu landen. Aber zu welchem Preis?

     

     

    Als Adam, einer von Violas Freunden, tragisch ums Leben kommt - erschossen während der Verfolgungsjagd auf einen Verbrecher -, beginnt sich Cynthia Gedanken zu machen. Früher hätte sich Adam niemals auf eine derart wagemutige Aktion eingelassen. Was hat seine Veränderung bewirkt?

    Wie frei macht Freemee (Nomen est omen!) die Leute wirklich? Wo bleibt der einzelne Mensch, wenn es am Ende nur darum geht, andere zu beeindrucken? Und welchen Wert hat Individualität? Falsche Fragen, wie Cynthia schon bald erkennen muß - denn, wie gesagt, am Ende geht es nicht um die Freiheit des einzelnen, sondern um die Freiheit einzelner Unternehmen, uns alle zu steuern.

     

    "Anbieter von Ratgeberprogrammen wie Freemee haben einen direkten Einfluß auf das Verhalten der Menschen. Und die folgen den Ratschlägen freiwillig, um ihre Werte zu steigern. Das eröffnet solchen Unternehmen ungeheure Manipulationsmöglichkeiten."


    An denen zeigen natürlich auch Polizei, Geheimdienste und Regierung großes Interesse, weil die Möglichkeiten schier unbegrenzt sind - und umso gefährlicher.

     

    "Wozu noch einen Präsidenten wählen - oder irgendeinen anderen Politiker -, wenn wir in Zukunft ohnehin wissen, was die Menschen wollen? Weil ein paar wenige dieses Wollen steuern können."


    Big Brother is watching you, hieß es 1948 in "1984" von George Orwell. Damals war alles nur eine düstere Vision, und natürlich ist auch in "ZERO. Sie wissen, was du tust" vieles nur Fiktion.

    Natürlich? Oder hat die Realität die Fiktion längst eingeholt? War doch dieser Tage ausgerechnet jene Nachricht zu lesen:

     

    "Die zentrale Neuigkeitenseite bei Facebook wurde für eine Studie bei Hunderttausenden Nutzern manipuliert: Sie bekamen ein verzerrtes Bild von der Stimmung ihrer Freunde vorgesetzt ...bedeutet dies, daß das Netzwerk mit seinen derzeit 1,2 Milliarden Menschen durch die Manipulation des Newsfeeds Stimmungen sehr vieler Menschen beeinflussen könnte?"


    Noch Fragen?

     

    Indem Elsberg in seine Geschichte viele reale Ereignisse (Wikileaks, Snowden) und technische Errungenschaften (Facebook, iPad) einbindet, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und dem, was möglich sein könnte; so wie auch in unserem Alltag längst Realität und Virtualität fließend ineinander übergehen.

    Darin liegt schließlich auch die Stärke von Elsbergs Roman. Die Thriller-Handlung mag vorhersehbar sein, seine Figuren sind vielleicht zu sehr für die Geschichte konstruiert. Aber trotzdem hält er dem Leser immer wieder den beklemmenden Spiegel vor und warnt vor einem allzu arglosen Umgang mit unseren Daten in der digitalen Welt.

     

    "Noch eine Karte, fragt sich Cynthia mit Blick in ihre Geldbörse und entschließt sich spontan dagegen. Sie zahlt bar. Von wegen gläserner Kunde!"

     


    Marc Elsberg - ZERO. Sie wissen, was du tust

    ØØØØ

    Blanvalet (D 2014)

    Wie wir die NSA verwirrten ...


    Kolumne: Ausweiskontrolle

    Im Internet sind die Lauscher immer und überall. Digitale Selbstverteidigung ist angesagt. Die notwendigen Tips gibt Steffan Heuer in seinem Buch "Mich kriegt ihr nicht!"  

    Grand Theft Data


    Watch_Dogs

    Chicago, die nahe Zukunft: Die gesamte Stadt ist vernetzt. Infrastruktur, Kommunikation und Dienstleistungen werden über ein omnipotentes Betriebssystem abgewickelt: das ctOS (City Operating System). Es sammelt außerdem munter Daten über sämtliche Einwohner. Kurzum: Wer ctOS kontrolliert, kontrolliert Chicago ...

    Lesen Sie mehr über "Watch_Dogs" im EVOLVER-Game-Review.


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  • 07/11/14--03:00: Kino_ Film-Tips Juli 2014
  • Deutsche Liebespaare und andere Roboter


    Michael Bay will sich den Sommer ganz allein unter den Nagel reißen - schließlich muß er es ausnützen, daß einen Monat lang kein Marvel-Streifen auf die Leinwand kommt. Trotzdem schafft er es auch diesmal nicht, sich als Regisseur oder Produzent in ein Talent zu transformieren.

    Tammy

    Filmstart: 3. Juli

     

    Man muß diesem Film wohl schon vorab manches nachsehen, also soll es so sein. Zum Beispiel, daß der darin veranstaltete Enkel-Großmutter-US-Querfeldein-Trip von zwei Schauspielerinnen aufgeführt wird, deren realer Altersunterschied gerade 24 Jahre beträgt. Oder daß man für Melissa McCarthy nach ihrem "Bridesmaids"-Durchbruch nun schon zum dritten Mal in Folge das mehr oder minder gleiche Odd-Couple-Story-Template herangezogen hat, ja, sogar wieder auf die Roadmovie-Konstruktion von "Identity Thief" zurückgreift. Oder daß einen ausgerechnet "Oma" Susan Sarandon in dieser Anordnung an diesen einen weit frischer formulierten Film mit ihr von vor mehr als 20 Jahren erinnert. All das kann man nachsehen. Nicht aber, daß Plot und Pointen konsequent so behäbig vor sich hintuckern, daß "Tammy" von vornherein weder als übersteuerte Komödie noch als botschaftsgetriebenes Familien-/Frauen-Drama allzu viel ausrichtet. Lieb mag das ja alles sein, aber auch ziemlich langweilig und wenig lustig. (CP)

    Love Steaks

    Filmstart: 11. Juli

     

    Eine kleine Liebesgeschichte unter jungen Leuten, gedreht an realen Schauplätzen mit "realen" Komparsen, ganz viel Handkamera und improvisierten Dialogen - da macht wer stark auf neue "Neue Welle"! Nun hat die in einem deutschen Ostsee-Kurhotel angesiedelte Love-Story zwischen einer quirligen Küchengehilfin und einem brummig-verschlossenen Heilmasseurlehrling schon einen gewissen unleugbaren Charme. Vor allem bei der allmählichen Annäherung des ungleichen Paars gelingen dem Nachwuchsregisseur Jakob Lass und seinen Darstellern Lana Cooper und Franz Rogowski immer wieder überrumpelnd witzige Szenen (der Masseur wird von einer älteren Patientin angebraten, die Küchenhilfe säuft sich ihren Alltagsfrust weg), doch je länger und zielloser die Geschichte vor sich hin mäandert, desto mehr verliert sie an Dringlichkeit und Interesse. Ganz sollte man also den Hymnen im deutschen Feuilleton und dem Max Ophüls-Preis nicht trauen, doch frisch Verliebte dürfen schon einmal zwei Kinokarten investieren. (HL)

    Transformers: Ära des Untergangs

    Filmstart: 17. Juli

     

    Es gibt Blockbuster, bei deren bloßer Erwähnung man sich nach dem glorreichen Superhelden-Unfug sehnt, der in letzter Zeit die Multiplexe beherrscht. Sowas wie "Transformers" zum Beispiel: Inspiriert von einer Spielzeug- und der darauffolgenden Zeichentrickserie, inszeniert vom größenwahnsinnigen Michael Bay, der sich zwar auf Explosionen und SFX versteht, aber nicht darauf, eine gute Geschichte zu erzählen (die würde er nicht einmal erkennen, wenn sie ihn in den Arsch beißt). Daß es ihm da genauso geht wie den heutigen Generationen von Kindern, Jugendlichen und Sowieso-nie-ganz-Erwachsenen, macht seine "Transformers"-Streifen aber absolut kritikerresistent. Alle der mittlerweile vier Teile wurden zwar verrissen, jeder noch mehr als der vorige und durchwegs zu Recht, aber die Massen - ferngesteuert von ihren Smartphones - strömen trotzdem zu den Kassen. Und so wird es vielleicht auch irgendwann "Transformers 5: Jonas, meine Batterie ist alle!" geben, eventuell wieder mit dem ausdrucksarmen Mark Wahlberg, so wie hier, statt des bisherigen Stars Shia LaBeouf (der jetzt so tut, als wäre er wahnsinnig), oder mit sonst einem, der für Geld jeden Genierer aufgibt, egal. Die Welt dreht sich weiter, und die Roboter warten ab, bis Michael Bay in ihre Gasse kommt ... Ach ja, die Handlung: Böse selbstumbaufähige Roboter bedrohen die Welt, gute wollen sie retten. Oder so. (PH)

    The Raid 2

    Filmstart: 24. Juli

     

    So macht man Filme, Mr. Bay! Schon der Vorgänger "The Raid" war eine erfreuliche Überraschung, die es früher garantiert nur in die schönen Vorstadt- und Bahnhofskinos geschafft hätte, wo man sich chinesische Kung-fu-Streifen und italienischen Horror anschaute. In diesem Fall handelte es sich aber um einen indonesischen Martial-arts-Film, inszeniert vom walisischen und in Indonesien angesiedelten Regisseur Gareth Evans und mit dem neuen und gerade unglaublichen Faustwatschen-Star Iko Uwais, der sich als Polizist Rama durch ein ganzes Hochhaus voller Gegner prügelte und killte. In Teil zwei wird dieser grundeinfache Plot gottlob nicht wiederholt, sondern fortgesetzt und erweitert: Rama soll sich nun undercover in eine Gangsterbande einschleichen, die ganz Jakarta kontrolliert und außerdem noch seinen Bruder ermordet hat. Das Ergebnis ist ein intelligenter Action-Thriller, der zudem so brutal zuschlägt, daß er auf der ganzen Welt Probleme mit der Zensur hat. Eltern, haltet eure Kinder fern (wir wollen sie eh nicht im Kino ...)! (PH)

    The Purge: Anarchy

    Filmstart: 31. Juli

     

    Auch in diesem Fall gelten das Gesetz der Filmkritiker-Resistenz des Publikums (eigentlich eine gute Sache, weil Kritiker eh kein anständiger Beruf ist ... ähem) sowie das Gesetz des abnehmenden Ertrags, zumindest "künstlerisch", finanziell ist das naturgemäß eine andere Geschichte. Schließlich brachte auch Teil eins dieser Dystopie, "The Purge - Die Säuberung", so viel Gewinn ein, daß sich die Fortsetzung lohnte. Diesmal spielen in der einen Nacht im Jahr, in der alle Verbrechen in einem Science-Fiction-Amerika legal sind, auch nicht mehr Ethan Hawke und Lena Headey die Hauptrollen, sondern Schauspieler aus der Reihe dahinter. Und ansonsten geht es wieder um Kleinbürger, denen es den Vogel heraushaut, wenn sie einmal alles dürfen; um eine Regierung, die das tödliche Treiben für ihre eigenen Zwecke nützt (so wie solche Filme übrigens); um Verfolgungsjagden, Action und Schießerei. Gähn. Warnung: Einer der Produzenten heißt Michael Bay. (PH)

    Sommerkino in Österreich

    Was wo im Rahmen welcher Sommerkino-Veranstaltung läuft, erfahren Sie auf der Website Sommerkino.at.


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    Marc Almond "Love Is Not On Trial"


    Letzte Woche stellte Manfred Prescher zwei noch richtig junge Künstlerinnen vor - heute geht es hier um alte Säcke. Daß die Herren im fortgeschrittenen Alter noch allerhand zuwege bringen, ist erstaunlich, kann der Jugend aber Mut hinsichtlich der eigenen Zukunft machen.

    Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

    In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

     

    Aus wirklich gutem Anlaß habe ich für meinen Schatz das Wort "Herzensschöne" gewählt. Es paßte einfach. Aber ich mußte zugeben, daß ich mit dem Begriff zwar bis dato keine anderen Damen geadelt, ihn jedoch nicht selbst erfunden habe. Die älteren und damit humanistisch gebildeteren unter uns wissen sicher, daß es seinerzeit Martin Luther war, der es in seinem "Abendsegen" zu Gehör und in die kollektiven Gedächtnisse brachte.

    Doch gut geklaut bzw. richtig zitiert ist halt der Anfang einer jeden ordentlichen Coverversion. Wir alten Säcke wissen das. Wir haben ja so viel in den Denkmurmeln abgespeichert, daß es dicke für komplette Alben langt. Wie bei Bob Dylan, der dem Vernehmen nach eine CD lang eher seltene Songs von Frank Sinatra durckrächzt. Das paßt schon, zumal Sinatra selbst ja Kompositionen anderer Menschen aufgriff und sie sich untertan machte. Dylans "Full Moon And Empty Arms" ist jedenfalls sehr nett geworden. Ob es das Lied braucht, weiß ich natürlich nicht, der Mann hat schließlich selber schon genug auf dem musikalischen Kerbholz. Andrerseits: Was soll er denn machen? Er kann nichts anderes als Dylan sein. Nobody sings Dylan like Dylan. Und deshalb macht er es selbst.

    Genau wie Monty Python sich selber noch einmal hochleben lassen: Mit dem Motto "One down, five to go" schieben immerhin noch fünf von ursprünglich sechs Witzbolden die Rollatoren auf die Bühne, geben nochmal den "Lumberjack Song" zum noch verfügbaren besten. Es kann ja bald vorbei sein. Im Werbevideo zu den Londoner Auftritten von Monty Python witzelt immerhin Mick Jagger über den Sinn oder eher Unsinn, sich faltige Tattergreise auf der Bühne anzuschauen. Wer will, merkt schon, daß es Cleese und Co. immer noch drauf haben. Das Witzeln hat der Engländer doch mehr im Blut als das Fußballspielen, aber ich schweife ab. Nur eines noch: Wie ich gerade gelesen habe, nehmen Pink Floyd - one down, three to go - gerade ein neues Album auf. Es ist das erste in der hinterbliebenen Originalbesetzung und das erste seit den Tagen von Martin Luther selig. Mindestens.

     

    Während Bob Dylan grad Sinatra, Andy Williams Gott und die Welt und ich Martin Luther beklauen, wühlen andere alte Säcke einfach in der privaten Schatzkammer herum, stauben das eine oder andere Liedchen ab, verändern die eine oder andere Note sowie den Text - und fertig sind neue Stücke von Brian Setzer, Willie Nelson, Don Williams, Morrissey oder Marc Almond. Und alle klingen irgendwie kregler, talentierter und damit besser als die aktuell heillos überschätzte Lana del Rey mit ihrem an düstere Zeiten erinnernden Schwanengesang "Ultraviolence". Weil die Seniorenriege tatsächlich noch ihr Mundwerk und oft zusätzlich diverse Instrumente beherrscht, sich außerdem zumindest innerhalb des - Bildung stärkt nun mal den Menschen - eigenen Werkkontexts gut auskennt, kommt dabei nichts bahnbrechend Neues heraus. Aber doch unterhaltsam Altes, das gar nicht mal unmodern wirkt. "Love Is Not On Trial" von Marc Almond zum Beispiel fängt mit der typischen Klavierphrase an, die wir Troglodyten schon von "In My Room" oder "What Makes A Man A Man" und anderen Stücken des selbsternannten "Sex Dwarf" kennen. Aber wen schert es?

    Wer nie sein Brot mit Tränen aß und nie gelernt hat, auf die "bright side" des Lebens zu schauen, weil es eh alles umsonst bzw. ohne Aufwand gibt, kann ja darauf warten, daß Google per Armbanduhr sein Konsumverhalten steuert und derweil Calvin Harris hören und Ed Sheeran für neue Folkmusik halten. Aber ich will nicht ungerecht sein. Wie schon in der vorigen Kolumne erläutert, können auch manche intelligente, junge Menschen gut zitieren und haben einen herzensschönen Zugang hinein in den Dungeon der musikalischen Vergangenheit. Ein wenig Entdeckergeist, eine Kerze auf dem Kopf und eine Prise Mut genügen völlig. Marc Almond hat es etwas leichter, er kann wahrscheinlich einfach im eigenen Oberstübchen wühlen, weil er "Tears Run Rings" oder "Mother Fist" immer im körpereigenen Tornister mit sich herumschleppt. Oder nehmen wir Morrissey: Der weiß, worüber er seit Urzeiten mit Schmackes singt - über das Töten und Verzehren von Bruder und Schwester Tier, über irgendjemanden, dem man nicht vergeben darf, oder darüber, daß die Erde der einsamste Planet überhaupt ist. Weil sich ja im Sinne von Johnny Cash - ´til things are brighter - ohnedies wenig ändert, funktioniert der Morrisseysche Textbaukasten immer noch hervorragend. Daß ihm Johnny Marr an der Seite fehlt, wie meine Herzensschöne betont, kann man so stehenlassen. Auch Almond könnte übrigens ab und zu die Unterstützung seiner Co-Weichzelle David Ball brauchen. 

     

    Nächste Woche wird es hier an dieser Stelle um ein interessantes Phänomen gehen: Irgendwelche DJs fischen bis dato unbekannte Lieder aus dem musikalischen Strom - und plötzlich werden Hits wie "Prayer In C" oder "She Moves (Far Away)" draus. Irgendwie ist diese Vorgehensweise so clever wie die von IKEA. Immerhin haben die Schweden 1978 von ihrem Designer Gillis Lundgren ein eher schnödes Bücherregal in "Billy" verwandeln lassen. Ihr dürft euch also schon mal freuen. Bis dahin könnt ihr euch ja besondere Kosenamen für eure Liebste oder euren Liebsten ausdenken. Ich hab´ das während des Schreibens auch getan und beschlossen, meiner Liebsten statt der "Herzensschönen" von Martin Luther ein ganz liebevolles, hoffentlich wirklich neuartiges "Abendtautröpfchen", ein noch liebevolleres "Seelenjuwel" und ein ganz besonders einzigartiges vorzuschlagen, das ich ihr aber dieser Tage ins Ohr zu flüstern gedenke. Geht euch schließlich nix an.

      

     


    Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

    Marc Almond "Love Is Not On Trial"

    Enthalten auf der CD "The Dancing Marquis" (Cherry Red/Rough Trade)

    Grantler und Poet


    Bob Dylan - 10 Gründe

    Manfred Prescher und Peter Hiess liefern jeweils zehn Gründe, warum man den Lockenkopf einfach lieben oder eben hassen muß: The answer, my friend ...


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    Orchestrales Disaster

    Eine verpaßte Sternstunde - oder: Wie drei hervorragende Sänger und eine großteils beeindruckende Regie eine unterdurchschnittlich orchestrale Aufführung der Verdi-Oper retteten, die von einer nicht übermäßig begabten Dirigentin fast in den Sand gesetzt worden wäre ...

    Nach Peter Konwitschnys "Attila-Trottelei" von 2013 bot man dem Publikum diesmal eine Neubearbeitung der "La Traviata"-Regie, die 2011 in Graz aufgeführt wurde. Wer den Regisseur und seine Neigung kennt, das Original weitgehend zu ignorieren, wurde bei der Aufführung durch viele geniale Schachzüge überrascht, die sich Konwitschny für die Oper aus der "Trilogia Populare" einfielen ließ.

    Die Bühne bestand aus mehreren Ebenen von roten Vorhängen, die in Wirklichkeit die Lebensabschnitte der Kurtisane Violetta Valerie darstellen sollten. Das Hauptrequisit war ein schlichter Holzsessel, um den sich die ganze Handlung der drei Akte abspielte. Es war richtig beeindruckend, wie Konwitschny in seiner Regie die widerliche, oberflächliche und sensationsgeile "Spaß- und Seitenblicke-Gesellschaft" aufs Korn nahm - lauter Personen, die glauben, ihr leeres Leben auf Kosten anderer aufwerten zu müssen. Richtig bestürzend wurde es, als im dritten Bild, wenn Alfredo Violetta vor allen aufs Ärgste demütigt, die nette Gesellschaft vor Reue wie Schmutz zu Boden fiel und dann während des traurigen Vorspiels zum letzten Bild wie Ungeziefer von der Bühne kroch.

    Der Regisseur blieb auch bei der "Traviata" seinen Prinzipien treu und ließ die Solisten vereinzelt vom Publikum aus singen. Schade, daß er damit die äußerst berührende Sterbeszene der Kurtisane durch diesen sinnlosen Klamauk fast zerstörte. Warum nur mußten sich Vater und Sohn Germont während der Szene durch die erste Reihe Parkett zwängen - vielleicht als Stimmungskiller? Dafür war das Duett Violetta-Germont, in dem die im Text erwähnte Schwester Alfredos (also Germonts Tochter) als Statistin zu Ehren kam, wieder unnachahmlich. Noch nie durfte man diese Duettszene so eindringlich und berührend erleben.

     

    Hauptanteil an dem Erfolg der Produktion hatten auch Marlies Petersen als Violetta und Roberto Frontali als Germont. Gemeinsam mit Arturo Chacón-Cruz waren sie trotz mancher Einschränkungen das Atout der Aufführung - obwohl Petersen manchmal die hohen Töne der "Sempre Libera" zu hoch sang und  das hohe D am Schluß sicherheitshalber gleich ausließ.

    Richtig unangenehm war dafür die Dirigentin (manche würden sagen "Taktschlägerin") Sian Edwards, die das ORF-Orchester schlecht bis gar nicht vorbereitet hatte. So unpräzise, verwaschen und fast unmusikalisch hat man "La Traviata" noch nie hören müssen. Wenn Violetta und Germon dreifache Piani sangen, war das der Dame unten am Pult ziemlich egal; der Mezzoforte-Brei wurde weiterhin erbarmungslos durchgerührt. Zudem hat Edwards viele der möglichen Kantilenen ignoriert, so auch in der eigentlich grandiosen Germont-Arie im dritten Bild.

    Das ORF-Orchester gilt nicht zu Unrecht als das "vierte Orchester" von Wien. Das bedeutet, daß es einen Dirigenten braucht, der intensiv mit ihm arbeitet und es fordert. Passiert das offenbar nicht - wie bei dieser Vorführung -, dann muß man sich auf derart inferiore Hörerlebnisse einstellen. Und die hätte das Theater an der Wien wirklich nicht notwendig.

    Giuseppe Verdi - La Traviata

    ØØ 1/2
    Oper in drei Akten

    Regie: Peter Konwitschny

     

    ORF Radio-Symphonieorchester Wien/Sian Edwards

     

    Solisten: Marlies Petersen, Roberto Frontali, Arturo Chacón-Cruz u. a.

     

    Theater an der Wien

     

    Premiere: 1. Juli 2014

    Reprisen: 3., 6., 9. und 11. Juli 2014

     

    (Photos: Werner Kmetitsch)


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  • 07/15/14--22:00: Print_ Print-Tips Spezial
  • Schmauchspuren #29

    Wenn über den Casinos der Mond aufgeht, wenn in Irland Landfahrer und Schwäne dahingemetzelt werden und wenn im Hinterland des Wahnsinns Blut fließt - ja, dann ist Peter Hiess als Krimileser live dabei.

    Joseph Wambaugh - Tod im Zwiebelfeld


    Bastei-Lübbe Tb. 2010

    Anfang der Sixties, Los Angeles, dunkelstes Amerika: Zwei junge Polizisten der Hollywood Division stürzen in eine schicksalshafte Nacht. Nur einer überlebt sie, der andere kommt psychisch schwer geschädigt davon, wird die Ereignisse bis ans Lebensende nicht verwinden. Joseph Wambaugh hat den Tatsachenroman Tod im Zwiebelfeld ähnlich angelegt wie Truman Capote sein berühmtestes Werk Kaltblütig. Er schildert Leben und Charakter der Opfer und der Täter, läßt aber keinen Zweifel daran, wem seine Sympathien gelten. Schließlich war Wambaugh, ohne den es den Polizeiroman in seiner jetzigen Form nicht geben würde, selbst einmal Polizist in L. A. Die zwei Burschen, die praktisch ohne Motiv die Beamten entführen und einen von ihnen ermorden, sind Abschaum, Soziopathen, ohne jedes Gewissen. Und sie entwickeln sich nach der Tat zu im Gefängnis juristisch ausgebildetem Abschaum, der sich die in den 60er Jahren entstandene totale Perversion des amerikanischen Rechtssystems in einem Jahre dauernden Prozeß zunutze macht, um der Todesstrafe zu entgehen. Ein zu Recht legendäres Werk.

    Ach ja: James Ellroy hat das Vorwort zur Neuausgabe geschrieben - das übliche Gefasel von ermordeter Mutter, Alkoholismus, harter Kerl, Demon Dog etc. Kann man auch auslassen.

    Guido Rohm - Blut ist ein Fluss


    Seeling 2010

    Noch tiefer in den Alptraum, wahrscheinlich wieder USA, aber in Wahrheit das reale Grauen in unseren Köpfen. Guido Rohm lädt in seinem Romanerstling Blut ist ein Fluss zu einer düsteren Reise durch die tiefste Provinz, wo ein jugendlicher Serienmörder und ein legitimer Nachfahre von Jim Thompsons Lou Ford (Marke: Psychopath mit Sheriffstern) eine öde, zerfallende Landschaft unsicher machen, irgendwo am Fluß, irgendwann vor dem großen Regen, irgendwie zwischen Alkoholismus und Wahnsinn. Und dieser deprimierend blutige Plot ist in Wahrheit (also im Buch) der des neuen Romans von Tom Torn, einem Noir-Krimi-Kultautor aus den Staaten, der selbst mit seinen Dämonen und tollwütigen Fans zu kämpfen hat. Man muß Rohm nicht nur für die Konsequenz bewundern, mit der er seine verschachtelten Welten und Realitätsebenen konstruiert, sondern auch für diese existentialistische Thriller-Phantasie selbst, die in manchen Momenten an den leider fast vergessenen Film Das Messer am Ufer erinnert. Geheimtip der Saison, auf jeden Fall.

    Time for Hardcase Crime

    E. Howard Hunt - House Dick

    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

     

    Peter Blauner - Casino Moon

    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

     

    An der Pulp-Front der nach wie vor großartigen Reihe Hard Case Crime werden diesmal zwei US-Städte porträtiert: Washington D. C. und Atlantic City. In der Hauptstadt handelt der Roman House Dick, in dem Autor E. Howard Hunt (ja, genau: der Watergate-Einbrecher und CIA-Agent) 1961 ein paar Tage und Nächte im Leben eines Hoteldetektivs beschrieb. Mord, Juwelendiebstahl, Drogen, kleine Gauner, ein hartnäckiger Bulle, eine Femme fatale - und ein Protagonist, der in etwa so unsympathisch wirkt wie Hunt selbst (oder das, was man von ihm aus Interviews kennt). Trotzdem ein nett-schmutziger kleiner Krimi.

    Ein wahrhaft großes Werk hingegen ist das 1994 erstmals erschienene Casino Moon von Peter Blauner. Die Story des Anthony Russo, Ziehsohn eines Mafia-Capos in der Glücksspielstadt Atlantic City und mit der Nichte des Oberbosses verheiratet, ist so ausweglos wie schweißtreibend spannend. Anthony will keine Karriere im Mob machen, sondern es selbst zu etwas bringen; er beschließt daher, das Comeback eines abgehalfterten Boxers zu managen und zu finanzieren. Nebenbei wird trotzdem noch ordentlich gemordet, gehurt und gestohlen, weil man der Familie nicht so einfach entkommt ... Blauner schildert die Welt der amerikanischen Cosa Nostra, der Gangster und Killer, der Stripperinnen und Mafia-Frauen bis hinunter zu kleinen Nebencharakteren so glaubhaft, daß man sich mitten in den Sopranos wähnt - nur kamen die später und waren garantiert auch von diesem wunderbaren Roman inspiriert.

    Ken Bruen - Jack Taylor liegt falsch


    Atrium 2010

    Was wissen wir über die Iren? Richtig, sie sind melancholisch und katholisch, belesen und betrunken - und hart, aber herzlich. Es scheint kaum möglich, daß ein ganzes Volk sich diesem Klischee unterordnet; fest steht aber, daß die international erfolgreichen irischen Krimiautoren hundertprozentig auf dieser Verkaufsschiene fahren. Das gilt auch für Ken Bruen, dessen Jack Taylor liegt falsch (zweiter Teil der Serie um den Exbullen und Privatdetektiv) in der Reihe "Irish Crime" erscheint, symbiotisch übersetzt von Harry Rowohlt und naturgemäß genau nach Plan: Alkoholexzesse, angereichert mit Koks und Speed, gefährliche Männer mit weichen Herzen, Morde an ungeliebten Landfahrern, zutiefst übermenschliche Menschlichkeit allerorten, zahllose Zitate aus wichtigen Büchern, willige junge Mädchen (mit viiiiiiiieel Herz) und eine gescheite Londoner Ehefrau, die gleich wieder aus Galway abfährt. Liest sich zwar trotz allem gut und schnell, ist aber bei weitem nicht so genial und wichtig, wie das Feuilleton das gern hätte.

    "Schmauchspuren"

    ... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.


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    Born for Love


    Sibylle Rauch war "Playboy"-Star, spielte in "Eis am Stiel" und später in Pornofilmen. Es folgten turbulente Jahre mit ausgiebigen Höhen und Tiefen. Seit 2007 ist sie auf "Österreich-Tournee" durch verschiedene Clubs des Landes. Team Rokko setzte sich mit ihr in Wien auf mehrere Pläuschchen zusammen.

    Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

     

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    "Rokko, glaubst du, kommt heute noch jemand?" fragt Sibylle Rauch mit dünner Stimme und bläst die Schwaden einer Zigarette aus ihrem Mund. Sie drückt mich am Handballen und sieht mich an wie ein scheues Rehlein. Es ist kurz nach 17 Uhr, wir sitzen im "Single Treff", Nähe Südbahnhof. Der Raum ist dunkel, nicht groß, eine Bar, ein paar Tischchen, eine Tür, die in einen kleinen Gang führt: rechts sind die Toiletten, links ein Zimmerchen mit Bett. Rauch hat ein frisches Leintuch mitgenommen, für den Fall, daß. Im Lokal sitzen nur ein paar Mädchen, unterhalten sich und sehen fern. Draußen regnet es in Strömen, da bleiben die Leute zu Hause.

    Sibylle Rauch ist perfekt gestylt: rote Bäckchen, tiefer Ausschnitt, hohe Schuhe. Sie ist extrem freundlich, lacht sehr viel, manchmal herzhaft, wenn sie an goldene Zeiten denkt, dann verlegen, wenn sie an einem wunden Punkt angelangt ist. Genauso stark wechselt ihre Stimme, von kräftiger Fröhlichkeit bis zu zerbrechlicher Verzagtheit. Ihr Leben ist eine wilde Achterbahn. Vor zwei Tagen erst waren wir im äußerst noblen "Beverly Hills Club" im 1. Bezirk, wo das kleine Bier 9,50 € kostet und schicke Anzugträger ihr Geld liegenlassen. Rauch tanzte dort nicht wie die anderen Mädchen, sondern kam für einen kurzen Smalltalk auf die Bühne. Im "Single Treff" geht es wesentlich legerer zu und sie wartet auf Freier.

    Aufgewachsen ist die 1960 geborene Sibylle Rauch in recht bescheidenen Verhältnissen im Münchner Schlachthofviertel. "Macht ja nichts!" zwinkert sie grinsend. "Dann bin ich Anwaltsgehilfin gewesen, das war mein erlernter Beruf, den ich heute nicht mehr ausüben könnte, weil ich es verlernt habe. Du, ich weiß aus der Zeit nichts mehr." Was sie damals genau gemacht hat? "Nichts G´scheites offenbar, weil der Chef wollt mich loshaben", lacht sie kräftig. "Ich bin in der Zeit entdeckt worden vom 'Playboy', das war mir dann wichtiger als kopieren und so. Als 'Playboy'-Star in der Anwaltskanzlei ... nein! Du siehst, der Größenwahn war schon ganz früh da, Rokko!" Wobei der natürlich auch von außen gezüchtet worden ist. "Ich bin beim Einkaufen entdeckt worden, da hat mich ein 'Playboy'-Photograph angesprochen. In der giftgrünen Hose und der giftgelben Bluse von Woolworth - der hat aber gesehen, daß darunter eine schöne Figur steckt. Ich war vielleicht doch eine der schönsten Playmates, weil meine Bildstrecke als eine der wenigen auch im US-'Playboy' erschienen ist. Das war sonst nur ganz selten, bei Uschi Buchfellner zum Beispiel."

    Im "Playboy" glänzte Rauch 1979, 1980 folgte mit "Der Kurpfuscher und seine fixen Töchter" auch schon der Einstieg ins Filmgeschäft. Wer sie da entdeckt hatte? "Na, ich hab mich selber entdeckt! Ich war 'Playboy'-Star! Ich hab eine schöne Mappe gemacht und mich bei Produzenten beworben. Ich hab nicht daran gedacht, eine schauspielerische Ausbildung zu machen, was mir später zum Verhängnis wurde. Aber ich war ein Naturtalent und nicht unbegabt, sonst wär ich nicht von Klaus Lemke und Wolfgang Fierek engagiert worden. Und das waren keine kleinen Rollen, sondern auch wirklich schöne. Bei Lemke hab ich gespielt in 'Wie die Weltmeister' (1981) - der ist gut gelaufen im Kino! Ich hab mich bei Lemke beworben und zu ihm gesagt: Ich bin "Playboy"-Star!' - darüber mußte er erstmal lachen!" ... und jetzt lacht sie selber. Getroffen hat sich diese hippe Schwabinger Szene seinerzeit in Münchner Lokalen wie Schumanns. Ob Lemke, der bereits 1972 seinen Kultfilm "Rocker" gedreht hatte, bei den Honoraren damals wie heute nur 50 Euro alias 100 Mark tageweise bezahlt hätte? "Nein, das Honorar war richtig gut! Ich geb mich nicht mit wenig Honorar zufrieden als 'Playboy'-Star, Rokko! Ich war schon immer größenwahnsinnig! Das muß man heute so sehen."

     

    Der große Durchbruch im Filmgeschäft gelang Rauch 1981 mit "Eis am Stiel 3 - Liebeleien": "Da hab ich mich auch beworben und bin aus über 100 genommen worden. Ich war der Meinung, die anderen brauch ich nicht, und wollte gleich drankommen", weswegen sie einfach durch die Schlange an Bewerberinnen nach vorne spaziert ist und auf die Wartezeit gepfiffen hat. "Ich erinner mich heut noch: 'I am the covergirl of this "Playboy" and I am the right one' ", sagte sie zum Produzenten, und der gab die Hand drauf.

    Mitten in dieser Zeitreise gut 30 Jahre zurück läutet Rauchs Handy. Nicht zum ersten Mal, seit wir zusammensitzen: Sie hat eine Anzeige in der "Kronen Zeitung" mit ihrer Nummer und einem Photo geschaltet. Rauch nimmt den Anruf mit der Stimme eines jungen Mädchens entgegen: "Hallo?" deckt das Telefon kurz mit ihrer Hand ab und schaut mich an: "Tschuldige, Rokko", um danach wieder ins Telefon zu sprechen. "Ja, Schatz, ich bin im Moment besetzt und kann nicht sprechen." Sie legt auf und schüttelt den Kopf. "Wieder so einer ... 'Bist du diese Blonde da?' Da sind teilweise richtige Terroristen dabei, mit unterdrückter Nummer. Die rufen alle Nummern durch, wissen oft gar nicht mehr, wen sie schon angerufen haben und sagen: 'Ach, du schon wieder ..." " Sie zündet sich eine neue Zigarette an und schaut noch mal auf die Anzeige in der "Krone". "Gerhard vom Lokal hat gesagt, ich hätte die Adresse dazuschreiben sollen, nicht nur meine Nummer. Glaubst du, er hat recht?"

    Draußen regnet es noch immer.

     

     

    Spaß für die Kamera

     

    1987 drehte Rauch ihren ersten Pornofilm, "Born for Love". "Das war ein Angebot von Teresa Orlowski - 100.000 Mark. Das muß man annehmen, du! Das war vielleicht mein bester Pornofilm, Rokko, vielleicht aber im nachhinein ein Fehler. Es war eine andere Zeit, weißt du ... mit den Schlagzeilen, ganz groß, sonst wär der Film auch nicht so erfolgreich gelaufen." "Born for Love" hatte Produktionskosten von etwa einer Million Mark, die locker wieder eingespielt wurden. "Andere Schauspielerinnen wie Karin Schubert haben erst Pornos gedreht, als sie älter waren. Ich hab das als junge Frau gemacht - daraufhin wollten mich die sogenannten seriösen Produzenten plötzlich nicht mehr."

    Und so wurde die damals 27jährige abgestempelt: Rauch bekam so gut wie nur noch Angebote aus dem Pornobereich. Allerdings nicht für Schmuddelfilmchen, sondern für die erste Liga: "Ich hab absolut spitzenmäßig verdient, die Million war schon da! Ich hab einen Exklusivvertrag bei VTO (Verlag Teresa Orlowski) gehabt, und es ging dann so weiter: 'Im Bett mit Sibylle' (1991) - nochmal 100.000 Mark! Ich hab Gagen gehabt, die kein anderer gekriegt hätte!" Infolgedessen sollte sie auch mit Berühmtheiten wie John Holmes und Rocco Siffredi zusammenarbeiten. "Ich hab mit den weltbesten gespielt! Es gibt keinen besseren als Rocco Siffredi - das ist die Nummer 1!"

    Ob das Drehen von Sexfilmen manchmal auch Spaß gemacht hätte? Rauch schüttelt den Kopf und lächelt mich an: "Wenn´s einem Spaß macht, dann entstehen keine so Superfilme, Rokko. Weil du mußt für die Kamera drehen, und das ist ein Knochenjob. Wenn es einem selber Spaß macht, kommt so gut wie überhaupt nie was fürs Publikum raus. Du mußt immer für die Kamera - in meinem Fall waren es drei Kameras - drehen, und nicht, was du gerne magst." Auf meine Frage, wie es war, Szenen zu drehen, wo sie mit drei Männern gleichzeitig zugange ist, klatscht Rauch lachend in die Hände. "Vier! Das hab ich auch gedreht, so ist es nicht! Du mußt da schon was bringen. Das war keine Überwindung, aber schon körperlicher Einsatz." Ob man vor so einer Aufgabe Poppers nimmt, um den Körper zu entspannen? Sie schüttelt den Kopf: "Mit dem ganzen Zeug kannst du mich jagen! Für mich gab es nur eine Medizin. So hab ich das genannt, 'Medizin' - und die Medizin war immer da für mich, immer die gleiche!" lacht sie, bis ihre Stimme klein wird. "Drum nehmen das so viele, Rokko, weil du kannst damit viel besser drehen, es wird alles viel leichter."

     

    Ihre Medizin war Kokain. Das ganze Pornogeschäft ist davon mehr als nur bestäubt. Rauch nahm es bald nicht mehr nur zum Drehen, sondern auch außerhalb, verkehrte mit der Münchner Schickeria und ließ es knallen, so lange es ging. "Ich habe viel verpulvert! Aber ich wollte dann auch einen 8er-BMW für 165.000 Mark - da war der Rabatt schon dabei. Ein 850 CSI mit allen Extras, 12 Zylinder, das ist ein Geschoß! Und ich konnte es auch fahren. Ich konnte auch reiten und hab mir ein eigenes Pferd gekauft, nur zur Unterhaltung. Eine Ferienwohnung hatte ich auch - eine von den Sachen, die ich mir hab aufschwatzen lassen. Leider, das braucht kein Mensch! Ich hab mir eine Eigentumswohnung gekauft für über 400.000 Mark, zum Teil über Hypotheken. Na, man muß halt auch Steuern bezahlen - und das ist mir später zum Verhängnis geworden, daß da viel offen war, sag ich mal. Aber die Wohnung war super schön, München, St. Emmeram - beste Wohngegend! Ich hab die Platin American Express gehabt, und es ist immer schlecht, wenn man mir sowas gibt", lächelt sie.

    Hier war allerdings noch nichts verloren. Rauch nahm gleich eine neue Herausforderung an und war von 1992 bis 1995 Herausgeberin und Gesicht der deutschen Ausgabe von "Hustler". Mit immensem Selbstvertrauen hat sie damals Larry Flint, den Oberboß des Männermagazins, angequatscht, als er in Deutschland war, und ihm erzählt, daß all die Blitzlichter und Kameras nicht wegen ihm da wären - sondern wegen ihr. So blieb sie zwar gut im Geschäft, aber die Steuerschulden waren nach wie vor offen. "Die waren schon in einer Höhe, wo gegen mich ein Strafbefehl ergangen ist. Das Blöde ist bei so Sachen, entweder du bezahlst es gleich - aber dazu hab ich das Geld nicht mehr gehabt -, oder es laufen Zwangsvollstreckungen."

    Auto weg, Wohnung weg, die Millionen verpraßt. Es folgte "meine Hotel-Arie", die ab und zu auch auf den Wohnwagenplatz wechselte. "Das ist eben der Teufelskreis, Rokko. Heute weiß ich: Aus Verzweiflung und Kummer hab ich mir die dicken Schlangen reingezogen und einfach keinen klaren Kopf mehr gehabt - und das wäre das Wichtigste gewesen. Ich hätte einfach mehr arbeiten müssen, die Angebote aus dem Pornobereich und für Auftritte waren immer noch da." Rauch dämpft ihre Zigarette aus und sieht mich an: "Weißt du, Rokko, es geht oft ganz schnell. Da war ein neuer Star, Dolly Buster, und das wollte ich nicht wahrhaben. Sie war zuverlässig, ein aufgebauter Pornostar, ist nicht aus dem Filmgeschäft gekommen. Plötzlich wollten alle Dolly haben und ich habe nicht mehr diese Wahnsinnsgagen durchsetzen können. Sowas geht eben nur auf bestimmte Zeit. Es ist absolut unverzeihlich, daß ich damals, als es noch zu retten war, nichts gemacht habe." Kaum schleicht sich Traurigkeit in ihre Stimme, macht sie einen bezaubernden Augenaufschlag und gibt stolz preis: "Als eine der wenigen habe ich es auch auf den "Stern"-Titel geschafft - das muß man als Sänger, Künstler oder Pornostar erst erreichen! So seh ich das, Rokko, das kann mir heut niemand mehr nehmen."

    Rauch unternahm gewagte Versuche, um sich im Geschäft zu halten: Neben zahlreichen Operationen am Busen und Eingriffen im Gesicht, die sie über sich ergehen ließ, hat sie 1996 im Pornofilm "Rauch Sisters: Double Trouble" gespielt, "mit Sylvie, meiner leiblichen Schwester." Die beiden küssen und streicheln sich, für ein geschwisterliches Verhältnis wird es bald zu intim und explizit. "Aber man muß dazusagen, daß das eine freiwillige Entscheidung auch von meiner Schwester war. Sie wollte das viele Geld auch!" lacht Sibylle Rauch. "Immer das gleiche, Rokko! Aber das hat mich schon Überwindung gekostet, weißt du. Ich war der Meinung, Sylvie sollte es nicht machen, weil da war mein Patenkind schon da. Sylvie hat im Gegensatz zu mir drei Kinder. Das war noch in einer Zeit, wo ich gut verdienen konnte, Rokko, das hätte auch noch gut ausgehen können bei mir. Wie wir alle wissen, ist es halt nicht so."

    1997 hat Rauch einen Selbstmordversuch unternommen, "größere Sache, ich wollte nicht mehr, es hat mir gereicht".

     

    Fortsetzung folgt ...

    aus: Rokko´s Adventures #11


    (erschienen im Juli 2012)

    Text & Interview: Rokko

    Fotos: © Ursula Röck


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    Lilly Wood & The Prick and Robin Schulz: "Prayer In C"


    Die Welt geht unter - weil wir Menschen einfach auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen. Mit diesem Grundtenor spricht man der Jugend dermaßen aus der Seele, daß es nicht verwundert, wenn ein Welt-Hit draus wird. Das findet zumindest Manfred Prescher, der als ewiger Kindskopf auch ein Fable für solche Songs hat.

    Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

    In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

     

    Zunächst mal muß ich mich an die eigene Jugend erinnern. Denn Tony Ramone - nicht verwandt oder verschwägert mit den anderen Ramones, die den Zirkus hier bereits verlassen haben - ist verstorben. Der Schlagzeuger der New Yorker Punkband The Ramones drosch sich ungepflegt, aber effektvoll durch "Blitzkrieg Bop", "I Wanna Be Sedated" oder "I Wanna Be Your Boyfriend" und war mittlerweile längst so aus der Zeit gefallen, daß es wahrscheinlich in Kürze zu einer großangelegten Renaissance der trutzig-rotzigen Rockerbande gekommen wäre. Sprich: Irgendein cooler DJ irgendwo zwischen Wellington und Obereinherz hätte vielleicht "Beat On The Brat" genommen und einen kräftigen Schubs aus der Retorte über das "Brat" gelegt. Von Tonys eigenem Spiel wäre dann wohl nichts mehr übrig gewesen, aber immerhin hätten die Ramones so vermutlich ihren ersten Nummer-1-Hit abbekommen.

     

     

    Ihr denkt sicher, was fabuliert denn unser Kolumnist da schon wieder? Und was hat der für ein Zeug zu sich genommen? Aber bei meiner Ehre: Außer Kaffee und etwas Frühstücksmüsli rein gar nix. Außerdem ist das Ganze auch gar nicht mal so abwegig. Schließlich passiert genau das immer und immer wieder: Ein technisch begabter, Internet-affiner Produzent oder DJ durchstöbert das Web und findet eine Perle, die sich veredeln läßt. Oder er holt sich einen Künstler mit ins Boot, der mit seinen Ideen dazu beiträgt, daß sich Erfolge einstellen. Im Moment sind es zwar eher soulige und folkige Songs, die mit einem zusätzlichen Groove unterlegt werden, aber man kann auch die Ramones kräftig rannehmen: "Sheena Is A Punk Rocker" als Techno-Hammer? Das funktioniert bestimmt so gut wie seinerzeit bei "Every1´s A Winner" von Alan Vega.

     

    Ich hab´ da so einen Traum. In dem nehme ich das mit sonorer Stimme von Telly Savalas gesprochene "If", das 1975 ein Hit war, das aber längst kein Schweinderl mehr kennt, und lege einen sanften Dubstep-Beat darunter. Das Ding geht - zumindest in meinem Schwurbel - ab wie Schmidts Katze. Und meine Freundin wäre zuerst stolz, dann genervt, weil sie das Lied jeden Tag beim Aufwachen im Radio hören müßte.

    So ähnlich geht es wahrscheinlich auch der Freundin des Osnabrücker DJs Robin Schulz. Der ist allerdings schon Wiederholungstäter: Erst nahm er sich das im Benelux-Raum erfolgreiche Rap-Soul-Stück "Waves" von Mr. Probz vor und nun verwurstet er das in Frankreich entstandene, dort aber nur auf einem Album veröffentlichte Folk-Stück "Prayer In C" vom Duo Lilly Wood & The Pricks. Das erste Cleverle seiner Art ist Schulz natürlich nicht, da schon DJ Aviciis letztjähriger Welt-Hit "Wake Me Up"  durch die Stimme und die Songwriter-Kunst von Aloe "I Need A Dollar" Blacc lebte. Und bereits im Jahr zuvor war ein israelischer Sänger namens Asaf Avidan mit einem Lied namens "One Day/Reckoning Song" gefühlte 78 Wochen Nummer 1 der Hitparaden - aber erst, nachdem DJ Wankelmut einen sanften Beat darübergelegt hatte.

    Ich hätte es wirklich bald vergessen, aber als ich mich wieder an "One Day" und den Sänger mit den seltsamen Stimmlagenwechseln erinnerte, wußte ich, daß dies die Blaupause zu "Prayer In C" ist.  Ja, und Folk mit einem sanften Disco-Groove geht halt immer noch sehr gut - man kann den einen oder anderen Dollar damit verdienen. Siehe auch "Far Away (She Moves)", wo DJ Alle Farben mit der Sängerin Graham Candy kollaboriert. Hier - wie auch bei "Prayer In C" - wird eine rauhe, verletzlich-kraftvolle Frauenstimme in den Beat eingewoben; bei "One Day" klingt der Sänger teilweise wie Janis Joplin oder P. J. Harvey. Und über allem liegt stets ein Beat, auf dem die Gedanken beim Hören praktisch von Oberstdorf nach Osnabrück und von da aus weiter bis nach Ohio surfen können.

     

     

    Ob Lilly Wood & The Pricks bzw. deren Sängerin Nili Hadida mit ihrer sehr nihilistischen Weltsicht Recht haben bzw. hat? Ich weiß es nicht. Aber es könnte, gerade im Anblick der andauernden Katastrophen der Menschheit, wohl so sein. Und wenn man sieht, wie zynisch Konfliktparteien während ihrer verblödeten Scharmützel mit den eigenen Mitmenschen umgehen, sollte man die Hoffnung auf eine bessere Welt vermutlich begraben. Und selbstverständlich kann man dann - analog zu Lilly Wood - auch das unvermeidliche Ende von Liebesbeziehungen aus dem Weltenchaos deduzieren. Das haben Teenager übrigens schon immer so gemacht, ob zur Zeit der Rolling Stones, der Sex Pistols oder von The Smiths. Mit Recht übrigens, denn es hat sich ja nichts verändert auf Gottes weitem Rund.

    An die Liebe darf man aber trotzdem glauben. Sonst könnte man sich ja gleich die Kugel geben. Übrigens habe ich festgestellt, daß es in Beziehungen doch nicht immer zerstörerisch läuft. Nehmt das zum Trost und wartet auf nächste Woche. Da schreib´ ich dann für euch über die Fantastischen Vier. Die sind mittlerweile genauso jenseits von Gut und Böse wie die gleichnamigen Marvel-Comics aus den Sixties. Bis dahin wünsche ich euch eine friedvolle Woche mit liebevollem Approach.  

     

     

    Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

    Lilly Wood & The Prick and Robin Schulz: "Prayer In C”

    Enthalten auf der gleichnamigen Maxi-CD (Warner)


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  • 07/22/14--22:00: Print_ Print-Tips Spezial
  • Schmauchspuren #30

    Das dunkle, kriminelle Hinterland der Seele kann überall sein: im ehemaligen deutschen Osten, im niederösterreichischen Harland oder im Orient-Express. Und plötzlich wirkt Manhattan nur noch provinziell ...

    Manfred Wieninger- Prinzessin Rauschkind


    Haymon 2010

    Der Diskont-Detektiv schlägt wieder zu. Na ja, Schlägereien hat er eigentlich weniger gern, und das Ermitteln freut ihn auch selten - aber von irgendwas muß man ja leben im schäbigen Nest Harland, gleich hinter St. Pölten, der angeblichen Hauptstadt von Niederösterreich. Und diesmal ereilt Manfred Wieningers Romanhelden Marek Miert sein Fall beim Zahnarzt, knapp vor der Wurzelbehandlung. Da redet ihn nämlich die verhuschte Sprechstundenhilfe an, eben die Prinzessin Rauschkind aus dem Titel, weil er ihren entschwundenen Geliebten finden soll.

    Und kaum sucht er, findet er auch schon: eine Leiche. Die ist zwar ein Doppelgänger, aber die Polizei setzt Miert trotzdem unter Druck, und schon investiert er sein letztes Geld und die letzten Gefallen von alten Schulfreunden in die Affäre. Wie es ihm dabei ergeht, warum es sogar im miesen kleinen Harland Rotlichtkönige und schmuddlige Dealer-Dandys gibt, welche guten Geschichten sich im scheinbar trostlosen Elend verbergen und wie man das abgestandene Privatdetektiv-Genre mit gelungenen Sprüchen und düster-zynischem Vorstadt-Noir belebt, das erfahren Sie bei Wieninger. Wieder einmal.

    Henner Kotte - Augen für den Fuchs


    Rotbuch 2010

    Sie können aber auch bei Henner Kotte nachlesen. Der zeichnet Leipzig in seinem neuen Krimi Augen für den Fuchs wieder einmal als Stadt, wo die Wiedervereinigung in vielen Köpfen auf sich warten läßt, wo sich hinter der Vergangenheit des realen Sozialismus böse Mordtaten verbergen, wo man verdrängen will und Westler nicht mag ... Solche zum Beispiel wie Kriminaldirektor Miersch, zugereist aus Bayern, von den Kollegen verachtet, von der Ehefrau in der eigenen Wohnung permanent betrogen, von der Presse seit einem Geiseldrama gejagt. Miersch taumelt in dem Roman wie ein "Bad Lieutenant", weggetreten und halluzinierend, durch die Kulissen, von neuen zu alten Tatorten, während seine Kollegen auch nur zwischen Feindseligkeit und Ratlosigkeit dilettieren, die Provinz eben, die nicht von der Bevölkerungsstatistik abhängt, sondern vom Inneren der Köpfe, ob in den USA, im Euro-Wunderland oder im tiefsten Sibirien. Ach ja, der Fall: ein Krebskranker, der kurz vor dem natürlichen Tod im Sterbebett erwürgt wird. Und eine scheinbar abgeschlossene Mordserie vor 25 Jahren, bei der den weiblichen Opfern die Augen ausgestochen wurden. Schmutzig, grausig, bedrohlich - und manchmal würgt es einem das Lachen heraus.

    Time for Hardcase Crime

    Jason Starr - Fake I. D.

    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

     

    Robert B. Parker - Passport to Peril

    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

     

    Anhand der großartigen und hier vollständig behandelten Pulp-Reihe Hard Case Crime (die ihren Erscheinungsrhythmus leider stark reduziert hat) soll es diesmal um zwei Phänomene gehen. Das eine ist das des unsympathischen Helden, der die Hauptrolle im Roman Fake I. D. des bei Diogenes so gern verlegten Autors Jason Starr spielt. Der New Yorker Rausschmeißer und Möchtegern-Schauspieler Tommy Russo verdirbt es sich mit allen, hintergeht jeden, betrügt und mordet, macht sich selbst etwas vor und ist strohdumm. Kann man so jemanden mögen? Nein - im Gegensatz zu Jim Thompsons psychopathischen Antihelden, die dem Leser zumindest widerwilligen Respekt abverlangten. Bei Starr geht die Rechnung nicht auf, zumal die flache, platte Sprache der amerikanischen Gegenwartskultur bei ihm nicht nicht zur Entlarvung des Erzählers dient, sondern scheinbar unfreiwillig passiert. Jetzt wissen wir auch, warum ihn der Eurotrash so mag ...

    Das zweite Phänomen erhebt fordernd seine Stimme: Wir wollen bitte die guten alten Kalter-Krieg-Krimis zurück - bevor keiner mehr weiß, worum es in diesem Nicht-Konflikt eigentlich ging! Solche wie Passport to Peril (1951) vom "Original"-Robert B. Parker (nicht dem mit Spenser, sondern einem Ex-Kriegskorrespondenten); eine gepflegte Story, die im Orient-Express nach Budapest beginnt, mit russischen Besatzern, stupiden österreichischen Bauern, amerikanischen Agenten und einem Helden, der mit dem Paß und der Sekretärin eines toten Mannes reist. Mehr davon. Von New York 2010 wissen wir eh schon genug.

    James Rollins - Das Messias-Gen


    Blanvalet 2010

    Und dann noch was: Vergessen Sie Dan Brown, vor allem nach seinem unerträglich öden Symbol-Ausrutscher. Abenteuer-Spezialist James Rollins kann´s viel besser, wie er in seinem neuen Roman Das Messias-Gen zeigt. Der beginnt zwar auch in Washington, D. C. (und zwar mit einem radioaktiv verseuchten Toten), führt aber dann mit den bewährten Wissenschaftler-Geheimagenten-Ermittlern der SIGMA Force weiter nach Tschernobyl, Indien, zum Orakel von Delphi und mysteriösen Zigeunerstämmen. Tempo, Pseudo-Science, genmutierte Wölfe und Tiger, Möchtegern-Weltbeherrscher in unterirdischen Zentralen, Spionageintrigen, alles da. Eindeutig nichts für Tom Hanks, umso besser für den Thriller-Freund.

    "Schmauchspuren"

    ... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.


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    Chancen auf Zeit


    Sie zierte den "Playboy", spielte sich mit "Eis am Stiel 3" in die Träume adoleszierender Buben und feierte am 14. Juni ihren 54. Geburtstag: Sibylle Rauch. Team Rokko ging mit ihr auf Tuchfühlung.

    Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.

     

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    Sibylle Rauch war "Playboy"-Star, spielte in "Eis am Stiel" und später in Pornofilmen. Es folgten turbulente Jahre mit ausgiebigen Höhen und Tiefen. Seit 2007 ist sie auf "Österreich-Tournee" durch verschiedene Clubs des Landes. Team Rokko setzte sich mit ihr in Wien auf mehrere Pläuschchen zusammen. Lesen Sie hier den ersten Teil: Born for Love

     

     

    "Aber 2001 war nochmal Hoffnung, Rokko, noch eine Wende in meinem Leben, ein ganz großes Angebot: die Verfilmung meiner Lebensstory, von einer absoluten Topfirma, die haben auch schon die Roy-Black-Story produziert. Mein Leben als biographischer Spielfilm. Nicht, daß ich die Wichtigste bin - das wär ja Dolly. Aber durch die interessanten Leute, die in meinem Leben vorkommen, Gunter Sachs, Teresa Orlowski, usw. ... Dann hat´s der größte Sender genommen, RTL, das ist auch erfolgreich gelaufen zur Hauptsendezeit als Zweiteiler." Der Film trägt den Titel "Das Mädchen von nebenan", und Sibylle Rauch wird darin von Anna Loos dargestellt. "Am Schluß ist sie geschminkt als die Fertige, als die ich dann ausgebuht wurde. Der hat dann auch kein gutes Ende, der Film!" lacht Rauch. "Das ist wirklich wahr halt."

    Doch Rauch fand immer wieder Wege und Chancen: 2006 durch Frank Hanebuth, den Präsidenten des Hells-Angels-Chapters in Hannover: "Das war eines der besten Angebote - bitte lach mich nicht aus, Rokko! Hells Angels, Big Boss, FKK-Villa in Hannover, das war finanziell ein absolutes Spitzenangebot. Ich hab ja Einnahmen gebraucht! Der hat mehrere ... er nennt das 'Freizeitparks' mit riesigem Außenpool, wie ein Swingerclub. Der wollte mich unbedingt, war für mich überhaupt kein Problem, der ist sehr gut situiert. Tolles Appartement, das nimmt man doch gerne. Ich hätte da nichts machen müssen in seiner FKK-Villa, aber da wär ich ja blöd gewesen", neckt sie.

    "Man kann das so nicht sehen, daß nach dem Absturz mein Leben nur noch scheiße war. Ich laß auf den Frank nichts kommen, er hat viele Schlagzeilen gemacht im Krieg mit den Bandidos. Er war absolut korrekt, und ich würde auch sagen, menschlich war er mein Typ - mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ein echter Hai, so wie mir Männer gefallen ... ein gefährlicher Hai! Da war ich zwei Monate, da hat es wieder ganz gut ausgeschaut für mich. So bin ich wieder zu was gekommen. Zu so viel, daß RTL eine Serie machen wollte - aber das war dem Big Boss zu viel!" Hanebuth wollte nicht, daß RTL seinen Freizeitpark infiltriert, und sagte ab. "Leider ging es mir dann wieder ganz schlecht, und da muß ich sagen, auch wenn wir uns nie wirklich gemocht haben: Auf Dolly Buster laß ich nie was kommen. Sie war gleich da für mich, wo ich schon wieder ohne Wohnung war - und diesmal auch ohne Klamotten", lacht Rauch. "Ich hab bei einem Typen gewohnt, und der hat mich einfach rausgesperrt und mich nicht mehr zu meinen Sachen gelassen. Das ist so böse geworden, ich habe nicht soviel Glück gehabt und bin wiedermal beim Verkehrten gelandet."

    Beim Verkehrten ist sie nicht nur einmal gelandet: Rauch wurde von einem Hallodri zum nächsten gereicht, darunter der angeblich oberreiche Herr Doktor Erwin Jürgensen; der höchst dubiose Ölscheich Ali bin Rashid bin Saleh Al-Fulani, der ihre Schulden tilgen wollte; Carl Alexander Prinz von Hohenzollern, der am Stuttgarter Volksfest Kartenabreißer war und damals, so wie Rauch, in einem Wohnwagen lebte; "Aktionskünstler" Marko König, der 2004 auf Rauchs Bauch mit einer laufenden Kettensäge Baumstämme zersägte und ihr dann damit auch den BH aufschneiden wollte - allerdings geriet er zu tief und verletzte Rauch im Brustbereich. "Da war es bei mir wieder absolut zu Ende, und Dolly war für mich da. Sie hat nicht viel gequatscht, ist mit Dino (ihrem Ehemann und Pornoproduzenten) gekommen, und ich hab gleich ein Appartement und zwei Koffer voller Klamotten bekommen. Das war keine Flohmarktware, Rokko, sondern wirklich ganz edle Sachen. Ich wollte es gar nicht nehmen, aber konnte nicht anders: Ich war ohne Wohnung und ohne Rücklagen, und meine ganzen Sachen waren bei diesem blöden Arsch in der Wohnung, Rokko, gib mir recht, was soll ich da machen?! Der Glücksfall war bei Dolly, daß ihre Idee so super funktioniert hat: daß ich als Repräsentantin in diesem großen Dolly-Buster-Shop in der Passauerstraße in München als Videothekarin arbeite."

    Das tat sie erfolgreich - doch nach ein paar Monaten war die Sache wieder vorbei. Rauch seufzt: "Rokko, das Ding ist immer das gleiche, um das zusammenzufassen, eben nach dem Absturz: Es waren immer wieder Chancen da, auch gute Sachen, nur das ist immer auf bestimmte Zeit. Dann wird es für das Publikum uninteressant, dann gehen die DVDs nicht mehr so. Dann will mich schon wieder keiner mehr sehen, da muß ich schon wieder weg - das ist das Problem." Ihr gesamtes Hab und Gut läßt sich in zwei Koffer packen, falls es mal wieder schnell gehen muß.

     

    Die Österreich-Tournee

     

    2007 verhalf ihr Hanebuth zu einem neuen Job: "Der Big Boss hat gesagt, er hat was in Österreich - und so bin ich nach Villach in einen superschönen Club gekommen. Zuerst hab ich mir gedacht, neben den jungen Haserln kann ich nicht gut verdienen, aber es war ganz anders. Ich bin wirklich gut angekommen bei den Männern. Die haben die ganz teuren Flaschen für mich bestellt und gerne auch 250 Euro für eine halbe Stunde bezahlt, das war die Anfangszeit meiner Österreich-Tournee!" lacht Rauch. "Da hab ich schon Frankie, meinen Agenten, gehabt, der meinte: 'Mach einfach das beste draus!' Ich konnte in kurzer Zeit wirklich große Summen verdienen, die haben mir die Männer nachgetragen. Zu der Zeit lief die Werbung noch auf 'Deutschlands größter Pornostar', was ich ja auch mal war. Da habe ich beschlossen, in Österreich zu bleiben" - bis heute. "Ich hab mich mit einem genialen Konzept von meinem Agenten durch die verschiedenen Städte Österreichs gearbeitet."

    Rauch hat auf ihrer "Österreich-Tournee" bereits sämtliche Clubs und Laufhäuser von Villach, Klagenfurt, Graz bis Salzburg kennen gelernt. "In dem richtigen Licht kann man mich altersmäßig schwer einschätzen, weil ich sehr schlank bin - das ist wie bei Sharon Stone: Die kann eine 35jährige darstellen, und das ist in dem Busineß wichtig. Ich wurde dann auch zu einer Art Filmfigur und das hat so bis heute, Rokko, gut funktioniert, wird aber wahrscheinlich früher zu Ende sein, als mir lieb ist, weil das ein knallhartes Busineß ist und nur eine Frage der Zeit, bis ich gegen diese jungen Mädels gar nicht mehr antreten kann. Ich bin schon allerletzte Reihe", lächelt Rauch, die dann auch im Laufhaus "Rachel" in Wien gearbeitet hat, das der Rotlichtgröße Harald Hauke gehört. "Da war ein Ansturm da, ich konnte mir das nicht erklären, was die alle wollen", scherzt sie über die durchschnittlich sieben Männer, die sie pro Tag in ihrem Zimmer empfing. "Weißt du, im richtigen Licht bin ich noch was Schönes. Rokko, aber du verspottest mich nicht, ich weiß, das kommt ein bißchen skurril rüber, aber es war auch gar keine andere Möglichkeit da. Es gab die Möglichkeit, zum Sozialamt zu gehen, aber wo die Chance da war, noch mal zu größeren Einnahmen zu kommen, war das nicht verkehrt, glaube ich."

    Nach einem kurzen Blick auf das Handy fügt sie hinzu: "Weißt du, meinen ganzen Schwachsinn, meinen Größenwahnsinn, muß ich jetzt büßen. Es ist so, ich weiß nicht warum, aber irgendwo hab ich mein Gehirn verkokst oder so. Ich war der Meinung, wenn ich wo hinkomm, muß ich erstmal Spaß haben - sonst tret ich nicht auf. Und die haben das immer gemacht, mir sozusagen den roten Teppich ausgerollt. Pünktlich war ich auch nicht immer, und dann hab ich bestimmt, was ich mach und was ich nicht mach; nur später hat sich´s geändert. Da wollten sie nichts mehr von mir wissen, das ist der Nachteil beim Größenwahn", der aber oft auf einer manifesten Basis stand: "Rokko, du mußt das so sehen, ich war in Sendungen von Gottschalk, von Biolek, mit diesen Oscar-Preisträgern, die sind gerne mit mir zusammengesessen, weil mein Name gut war. Mein Name hatte einen guten Marktwert. Heute ist es nicht mehr so, alles andere wär Beschönigung, aber ich hab es geschafft, daß der Name durch die 'Eis am Stiel'-Sendungen, die noch öfter laufen, noch nicht ganz zerstört ist, aber eigentlich ... habe ich jetzt einen Marktwert von gleich null, das muß man so sehen."

    Doch es kamen immer wieder Anfragen von anderen Seiten - überflüssige, wie Rauch findet: "Viele sind der Meinung, ich wäre eine Schauspielerin, künstlerische Leute, die so wichtig tun und mich anrufen und mir sagen, sie haben da die Werbung gesehen und finden es so schade, daß ich jetzt in einem Laufhaus arbeite. Jaaaaaaaa", seufzt Rauch und macht eine Pause, bevor sie laut lachend fortfährt: "Du, das ist doch fürn Arsch! Weil mich als Schauspielerin einfach niemand mehr will, der Geld hat, das muß man so sehen. Ich muß jetzt schon wieder schauen, daß ich zu größeren Einnahmen komme. Ich bin gerade umgezogen, nach Klosterneuburg in den Wald, da ist es richtig schön, Rokko. Da bin ich beim Waldhans, aber auch der will halt sein Zimmer bezahlt haben, und das summiert sich. Wo ich wirklich größere Summen verdient hab, war im Laufhaus, wo ich auch bleiben wollte, also muß ich sagen, Rokko, und zwar unbedingt, daß ich, wie meine Schwester sagt: 'Eri, du mußt schauen, daß du schnellstmöglich wieder in ein Puffding kommst' ", lacht Rauch, die eigentlich mit Vornamen Erika heißt. "Ich find´s gut, daß wieder mehr Kontakt zu Sylvie herrscht, wir haben uns lange Zeit nicht so gut verstanden. Erst durch den Artikel in der 'Bild-Zeitung', die mich gesucht hat, hat sie erfahren, was für eine Art von Tournee ich da mache. Sie hat gesagt: 'Du hast Pornos gedreht, du hast nichts zu verlieren, wenn du in der Woche 2000 verdienst ...' Das hab ich geschafft im Laufhaus, 2000, 3000, ohne Supereinsatz. Was soll ich da noch Künstlerisches drehen, wenn nichts rauskommt?! Gib mir recht, Rokko."

     

    The show must go on

     

    Der finanzielle Aufwand, den das Leben fordert, muß gestellt werden - so oder so. "Ich hab niemanden, der mein Leben finanziert, und es wird auch niemand kommen. Das war bei anderen auch so, ich bin nicht die einzige, die einen Absturz hinter sich hat. Das ist auch kein großes Problem, nä, weil ich bin noch einsatzfähig", lacht Rauch. Ihre Aufenthalte in den Laufhäusern dauerten immer nur wenige Monate, dann war es stets Zeit zu gehen. Die Gründe dafür sind so verschieden wie dringlich. Noch einmal in eines jener lukrativen Lokale, in denen sie schon gearbeitet hat, kann sie nicht, "da gibt es kein Zurück. Ich würde ungern was dazu sagen. Ich hab mich entscheiden müssen: Nehm ich das in Kauf - da waren mehrere Sachen, darunter richtig ungute, was kein Mensch braucht - und verdien weiterhin gut, oder geh ich weg. Und ich hab mich diesmal eben anders entschieden, das ist alles."

    "Falls es dich interessiert, Rokko, das ist für mich immer noch ein Trauma: Sagt dir der Name Lolo Ferrari was? Europas größter Busenstar", der im März 2000 verstorben ist. "Ich war kurz vor ihrem Tod noch mit ihr unterwegs, auf Tour. Und da waren wir in Rosenheim und wurden ausgebuht. Aber richtig, von der Bühne gepfiffen. Mir hat das schon nichts mehr ausgemacht, weißt du. Das Ding ist, ich hab auch nicht erkannt, wie krank die Lolo eigentlich war." Rauch zeigt auf ihren Busen. "Das war bei ihr steinhart, das Monster von Busen hat sie erstickt. Absturz war da, völlig verwahrlost die Villa, Schlagzeilen waren - wie bei mir, ich sag dir nur einen ganz ähnlichen Fall. Und superviele Angebote, so ist es nicht. Ich hab das ja direkt mitgekriegt, wir waren unterwegs. Ich war zweite Wahl, eigentlich war Dolly Buster geplant, aber die wollte mit Lolo Ferrari nicht auftreten. Ich hab mit Lolo auch mal ´n Porno gedreht, außerdem mag ich die Lolo sehr gern. Das kann ich dir sagen, Rokko, sie war viel mehr als der große Busen. Sie war viel mehr, und als ich sie da wieder gesehen hab in Leipzig, war sie wirklich fertig, sie hat richtig gelitten. Das ist superscheiße, weißt du, und sie muß natürlich mit ihrem Monsterbusen, den solltest du mal sehen, der ist dreimal so groß wie meiner, und ich hab schon einen großen Busen, dringend Geld verdienen. Der Herwig, ihr Mann, hat Druck gemacht. Sie konnte nicht mehr auftreten, wir haben schon Schlagzeilen gemacht in Leipzig, wo sie umgefallen ist auf der Bühne. Die Veranstalter wollten die Wahnsinnsgagen dann auch nicht mehr bezahlen, weil nicht mehr so viele Tickets verkauft wurden. Die Leute hatten den Monsterbusen satt, Rokko, oft kann das schnell gehen. Das war fünf Tage vor ... du weißt, sie hat sich umgebracht. Ich mach mir selbst Vorwürfe, daß ich es nicht erkannt hab, obwohl sie es in dem Interview gesagt hat. Sie hat wenig Englisch gesprochen, aber das Wenige war sehr deutlich: 'I can´t. It´s not possible.' - auf die Bühne zu gehen mit diesem Unding. Und da, Rokko, das sag ich jetzt zum ersten Mal, das hab ich noch nie gesagt, aber jetzt sag ich´s: Das wär der Moment gewesen, in dem man reagieren hätte müssen. Da war nicht nur RTL, auch SAT1 war da, die haben das gesehen. Sie hätte Hilfe gebraucht, und die Hilfe hätte 20.000 Euro gekostet. Das mußte raus, das war schon grün und blau, das mußte dringend raus. Bei dieser immensen Größe, das hat in natura noch viel größer ausgesehen, das waren zwei so Riesenballons, Rokko, glaub mir. Es war kein Sender bereit, für sie das zu machen. Und das gleiche ist bei mir. Wenn ich wirklich Hilfe bräuchte, ich weiß genau, die würden alle abwinken. Das ist so. Lolo hätte Hilfe gebraucht. Niemand wollte das sehen oder hören. Man muß die Show wahren ... The show must go on", flüstert Rauch und nimmt sich ein Taschentuch, um die Tränen aus den Augen zu wischen. "Tschuldigung. Ich muß jetzt schauen, daß ich zu Einnahmen komme, unbedingt ... sonst könnma hier einen Campingplatz ...", deutet sie mit der Hand durch das Lokal, "verstehst du? Das will ich nicht, ich kann noch gut verdienen, ich hab in Wien viel Zeit vertändelt. So ist das bei mir." Ihr Handy läutet und sie hebt mit ihrer professionell verführerischen Stimme ab: "Hallo?" ...

    Währenddessen öffnet sich die Lokaltür, und ein Mann in seinen besten Jahren kommt herein. Sibylle Rauch mustert ihn, legt das Handy zur Seite und bewegt sich auf ihn zu. Die beiden machen Bussi-Bussi und schäkern sofort an der Bar. Draußen regnet es noch immer, doch: The show must go on.

     

    aus: Rokko´s Adventures #11


    (erschienen im Juli 2012)

    Text & Interview: Rokko

    Fotos: © Ursula Röck


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    Nichts für Weichlinge!

    Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? So oder ähnlich dürfte die Moral der Geschichte lauten, die uns US-Autor Olen Steinhauer in seinem dritten und letzten Thriller um Geheimagent Milo Weaver unterbreitet.

    Weaver war ein Tourist, eine neue Form amerikanischer CIA-Spione, die so geheim operieren, daß sie sich häufig selbst fremd bleiben. Klingt komisch, ist aber so, wenn man den Auftaktband "Der Tourist"gelesen hat, in dem Steinhauer das anonyme "Jet-set"-Leben der Touristen und insbesondere das von Milo Weaver schildert.

    Doch seit "Last Exit", dem zweiten Weaver-Roman, liegt die "Tourismusbranche" am Boden, weil der chinesische Agent Xin Zhu quasi im Alleingang weltweit fast alle Touristen ausgelöscht hat - als Vergeltung für den Tod seines Sohns.

    "Die Spinne" schließt nahtlos an diese Rachetat an. Doch die Geschichte des dritten Weaver-Thrillers in wenigen Worten zusammenzufassen, erweist sich als gar nicht so einfach. Nicht nur, daß Steinhauer immer wieder Querverweise auf die vorangegangenen Ereignisse herstellt, obendrein wechseln die Geheimagenten ihre Ideale so schnell wie andere ihre Unterwäsche: beinahe täglich.

    Loyalität? Was für Weichlinge. Integrität? Kennen die wenigsten. Feinde werden überraschende Freunde, und Freunde plötzlich zu erbitterten Feinden. Ob chinesische Spione, deutsche, amerikanische, britische, kambodschanische, koreanische, russische - am Ende geht es keinem mehr um den Heldenkampf fürs Vaterland. Da wird jeder einzelne Agent getrieben von Macht, Geltungssucht und ganz eigennützigen Plänen; oder weil er nichts anderes gelernt hat im Leben als das Taktieren, Paktieren und Konspirieren.

    Vielleicht ist das sogar die bitterste Pille, die der Leser am Ende schlucken muß.

    Andererseits: Kennt man derlei Eogtrips nicht längst auch von hiesigen Politikern, die ihre Fähnlein in den Wind hängen, wie es ihnen gerade am besten paßt? Die geben sich ja nicht einmal mehr die Mühe, das zu verschleiern.

    Und inmitten dieser dreckigen Spiele steckt nun Milo Weaver, dessen größter Wunsch es nach dem schmächlichen Ende der Tourismusabteilung ist, nichts mehr mit Spionage und Gegenspionage zu tun zu haben.

     

    "Ich habe schon viel zu viel von meinem Leben und vom Leben meiner Familie für aussichtslose Kämpfe verwendet. ... Und ich will nicht Teil einer Maschinerie sein, die Menschen so zugrunde richtet. Nicht mehr."

     

    Gerade dieser Wunsch treibt ihn dann doch ein letztes Mal in die Arena der Geheimdienste - weil auch er seine ganz eigenen Ziele verfolgt: Sicherheit für Frau und Kind. Doch er hat die Rechnung ohne seine Freunde gemacht. Oder sind es seine Feinde? Schwer für Milo, da noch den Überblick zu behalten.

    Nicht aber für den Leser. Natürlich bedarf es bei "Die Spinne" einer erhöhten Konzentration während der Lektüre - und der Vorkenntnis der beiden vorangegangenen Romane "Der Tourist" und "Last Exit". Wer sich aber darauf einläßt, erlebt einen modernen Spionageroman voller Verstrickungen, einen genialen Thriller voller ungeheuerlicher Wendungen und ganz nebenbei noch eine Einsicht in das menschliche Wesen.

    Wie lautet noch mal dessen Moral? Ach so, genau: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?"

    Olen Steinhauer - Die Spinne

    ØØØØØ
    (An American Spy)

    Heyne (D 2014)


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    Die Fantastischen Vier: "25"


    Irgendwie wirkt es so, als gingen die schwäbischen Rapper jetzt tatsächlich in Rente. Ihre selbstreferentielle Single läßt genau das vermuten - auch wenn sie es bestreiten. Meint jedenfalls Manfred Prescher.

    Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

    In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

     

    Die beste Liebesgefährtin von allen hat natürlich recht. Sie sagte mir unumwunden, daß ich doch nicht über einen Song schreiben soll, der schon im März veröffentlicht wurde. Ich müsse ja, so folgerte ich auf diesen lapidaren Satz, meine Rückständigkeit nicht so derbe raushängen lassen. Aber irgendwie ist mir die erste Single zum demnächst erscheinenden neuen Album der Fantastischen Vier tatsächlich entgangen. Was die komplette, neunte Langspiel-CD angeht, bin ich aber meiner Zeit voraus, denn "Rekord" wird erst im Oktober unter das Volk gestreamt. Man darf gespannt sein, ob das Werk noch mehr Abschiedslieder enthält, denn die Kurzbeschreibung auf Amazon liest sich wie ein Rückzieher zum tatsächlich nach "Auf Wiederhören" klingenden Lied "25": "Nach fünfundzwanzig Jahren haben Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon vielleicht viel gesehen und erlebt, aber eines noch lange nicht: die Schnauze voll. Die Fantastischen Vier sind nicht angetreten, um aufzuhören. Die Freundschaft dieser vier verschiedenen Typen, die Symbiose zwischen den Charakteren, die Einheit, die diese vier Schwaben bilden, ist eine Kreativitätswalze, die, was immer man auch versucht, einfach nicht gestoppt werden kann." Was für eine seltsam PR-verquere Umschreibung ...

     

     

    Die Fantastischen Vier wurden tatsächlich kurz nach dem Friedensschluß von Venedig gegründet. Damals, 1989, war "Rap" in deutscher Sprache noch so neu, daß viele Menschen ihn gar nicht mit dem Begriff "Musik" in Verbindung brachten. Ein Vierteljahrhundert später wird allerorten vor sich hingebrabbelt, gereimt, bis das Versmaß kracht, und kräftig damit Kohle verdient. Von Sidolin über das Casperle bis hin zu Marteria, Jan Delay und Cro reicht die Bandbreite. Mein absoluter Favorit ist gerade Dirty Maulwurf, obwohl ich von dem noch gar nichts gehört habe. Aber der Name ist so endsdämlich, daß ich in dessen CD "Trap braucht kein Abitur" hineinhören werde. Denn der Titel klingt schon wieder interessant. Und wer einen Track "MacGyver" nennt, kann gar nicht so doof sein - und tatsächlich, die Platte geht textlich in Ordnung. Das können die meisten Maulwürfe jedenfalls nicht besser. Wahrscheinlich war der Rapper aber noch gar nicht in Planung, als MacGyver Menschen mit etwas Zahnseide, einer Centmünze und dem angekauten Rest einer Breze aus einem Terroristenlager befreite oder eine Stadt nur mit Hilfe eines Pfefferminzbonbons und einer Kindertrompete vom Smog erlöste. Damals wurden auch die Fanta 4 gegründet. Und wir müssen wieder mal wieder in aller Bitterkeit erkennen, daß sich die Welt rasant weitergedreht hat.

     

    Ich wurde vor kurzem schon 53, und seitdem höre ich von der besten Liebespartnerin von allen verstärkt, daß ich auf mich achten müsse. Denn es sei ja so, daß ich jetzt in den Jahren sei, in denen verstärkt ganz merkwürdige Krankheiten darauf warten würden, mich dahinzuraffen. Wenn ich aber erst mal so alt wäre wie der Heesters kurz vor seinem unerwarteten Ableben, wäre ich aus dem Gröbsten raus. Weil ich dann ein langes und erfülltes Leben gehabt hätte. Womit wir wieder bei den Fantastischen Vier wären: Die hatten tatsächlich ein recht erfolgreiches Get-together, das locker-flockig mit "Hausmeister Thomas D." oder "Wo geht´s lang" begann und dann einige große, ziemlich coole Hits nach sich zog. Im Rückblick war das eine beeindruckende Karriere, die ihnen so schnell kein weiterer Reimkünstler nachplappern kann.

    Und nun rappen sie ganz selbstreferentiell von ihren guten Zeiten und davon, daß sie als Zombies immer noch da sind. Der Song dazu ist dermaßen Disco, daß die Bee Gees ihre Freude dran hätten, wären sie nicht längst wieder als Hercules & Love Affair reinkarniert und würden gerade den House Sound of Chicago für sich entdecken. Der Groove ist wirklich okay und überdeckt die Tatsache, daß der Text nicht zu den Höhepunkten im Schaffen der schwäbischen Geronten gehört. Das Selbstreferentielle kann man den Herren durchaus nachsehen, denn erstens gehört das beim Rap immer schon praktisch zum guten Ton, der bei den Vierern aber halt auch schon mal ein besserer Unterton war - und zweitens machen das noch viel ältere Männer wie die Toten Hosen auch. Das Problem von "25" ist aber, daß die Fantas bei ihrem Blick zurück ziemlich ausgebrannt wirken. Für diese Äußerung müßt ihr übrigens nicht mich schelten, sie stammt von den Künstlern selbst: "Fakt ist: daß wir irgendwann mal ausburnen/Mach mit: Wenn am Ende das Haus brennt/Macht nix: Wir können morgen früh auspennen". Das klingt doch nach Abschied, oder?

    Genug der Mutmaßungen, das Leben geht immer noch weiter. Und weil ich nicht ausgebrannt bin, schreibe ich in der nächsten Woche wieder für euch. Dann geht es justament an dieser virtuellen Stelle hier um La Roux, eine junge Künstlerin, die ebenfalls mit Disco überrascht - und das so, daß die Bee Gees sogar in ihrer Reinkarnation als Hercules And Love Affair ihre Freude daran haben müßten. Bis dahin paßt´s auf euch auf, achtet auf eure Liebsten und hört gute Musik. Von mir aus auch die vom kleinen, schmutzigen Maulwurf, dem ein Rap-Album eingefallen ist. Oder von Micah P. Hinson oder den Secret Sisters - oder auch "Rainbow", das neue Lied vom steinalten Robert Plant.   

     

     

    Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

    Die Fantastischen Vier: "25"

    Enthalten auf der CD "Rekord" (Columbia/Sony)


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  • 07/29/14--22:00: Print_ Print-Tips Spezial
  • Schmauchspuren #31

    Krimiexperte Peter Hiess ist besorgt: Muß sein amerikanischer Lieblingsverlag zusperren? Sterben Serienkiller und Kinderschänder etwa nie aus? Und kann man Lemmy Caution bitte etwas anständiger würdigen?

    Peter Rabe - Stop This Man!


    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

    Vielleicht ist die berühmte Krise daran schuld - oder ein anderes dieser Pseudo-"Probleme", die die Mächtigen dieser Erde dauernd erfinden, damit wir uns alles (Sprechverbote, Antiterrorgesetze und Sparlampen) von ihnen gefallen lassen. Jedenfalls hat irgendwas den amerikanischen Pulp/Noir-Verlag Hard Case Crime dazu gebracht, von durchschnittlich einem wunderbaren Taschenbuch im Monat auf etwa vier im Jahr umzusteigen. Und da macht man sich als Fan und begeisterter Leser dieser alten und neuen Klassiker schon Sorgen ...

    Es ist halt heute noch so, wie Peter Rabe es schon 1955 in seinem gelungenen Krimi Stop This Man! beschrieben hat: Verbrechen und Korruption regieren. Da hat ein einfacher Berufsgangster wie der Protagonist Tony Catell, der nach seiner zweiten längeren Haftstrafe wieder einen großen Coup landen will, keine Chance. Wer konnte denn ahnen, daß der schwere Goldbarren, den er aus einem Forschungsinstitut stiehlt, radioaktiv verstrahlt ist? Von Atomforschern über FBI-Agenten bis hin zu den Mafiabossen sind in diesem Roman alle schäbig, falsch und schmierig. Kein Wunder, daß es für abgebrühte Profis in einer solchen Welt enden muß, wie es in Stop This Man! endet. Aber traurig ist es doch.

    Andreas Gruber - Rachesommer


    Premiere/Club Bertelsmann 2010

    Da wirkt es umso herzerfrischender, wenn ein geschätzter österreichischer Autor wie Andreas Gruber, der mit anspruchsvollem Horror und blutigen Thrillern bekannt wurde, im Hardcover erscheint - wenn auch bei einer Buchgemeinschaft und mit einem Krimi, der das unsägliche Thema Kindesmißbrauch aufgreift, das die Serienmörderei in der jüngeren Vergangenheit als Genre-Nervensäge abgelöst zu haben scheint. Dennoch ist der Fall in Grubers Rachesommer gut und glaubhaft konstruiert; solchen Typen traut man organisierte Pädophilie viel eher zu als kleinen Postbeamten in Hintertupfing. Und der Autor führt die zwei spannenden Handlungsstränge um den Polizisten aus Leipzig (untersucht unautorisiert angebliche Selbstmorde von Jugendlichen in psychiatrischen Kliniken) und die Anwältin in Wien (untersucht unautorisiert angebliche Unfalltode gestandener Herren) gekonnt zusammen. Sollte man unbedingt lesen - dazu muß es gar nicht Sommer sein.

    Douglas Preston/Mario Spezi - Die Bestie von Florenz


    Knaur Tb. 2010

    Wer seine Sommer gern in der Toskana verbringt (ich weiß schon, da gehen normalerweise nur Sozialdemokraten und Altgrüne zum Sterben hin, aber die Gegend ist ja trotzdem schön), sollte sich als Ferienlektüre Die Bestie von Florenz vom amerikanischen Bestseller-Autor Douglas Preston und dem italienischen Kriminalreporter Mario Spezi mitnehmen. Da geht´s zwar auch wieder um einen Serienkiller, aber wenigstens einen realen, der seine unheimlichen Liebespaarmorde und -verstümmlungen in den 70er und 80er Jahren verübte. Preston stieß zufällig auf den Fall (der schon Hannibal-Lecter-Erfinder Thomas Harris inspiriert hatte), als er aus den USA nach Italien übersiedelt war, und machte sich im Jahr 2000 mit Spezi auf die Suche nach dem Täter, der nie gefaßt wurde. Aufregend und verblüffend an dem durchwegs gut erzählten Buch ist nicht nur die Ermittlungsarbeit, sondern auch das Wespennest an Korruption und Eigennutz, in das die beiden bei den toskanischen Behörden stechen – so tief, daß sie bald selbst wie Mordverdächtige behandelt werden. Ein interessantes Stück europäische Kriminalgeschichte.

    Robert B. Parker - Alte Wunden


    Pendragon Tb. 2010

    Apropos Geschichte: Nachdem letztes Mal an dieser Stelle der "Original-"Robert B. Parker behandelt wurde, diesmal wieder ein Taschenbüchlein des Spenser-Autors, den wir alle kennen (und der seit 18. Jänner dieses Jahres selbst Geschichte ist). Im Gegensatz zum langweiligen Der stille Schüler (2005) ist der 2003 entstandene Roman Alte Wunden ein gutgelaunter Hardboiled-Krimi um alte Hippies und bekehrte Revoluzzer, einen unaufgeklärten, 40 Jahre alten Mord, FBI-Agenten und -Informanten, Schießereien und natürlich Hawk und Susan. Coole Sprüche, gutes amerikanisches Essen, Schnäpse, Zynismen, ein paar Wortspiele, die in der Übersetzung leider hoffnungslos absaufen (müssen) - also genau der Spenser, den wir alle gern in Erinnerung behalten wollen.

    Peter Cheyney - Lemmy schießt nicht auf Blondinen


    Milena Pb. 2010

    Zum Schluß ein zweischneidiges Vergnügen: Natürlich freut man sich, wenn ein trashiger Krimi um den großen Lemmy Caution (im Film verkörpert vom noch größeren Eddie Constantine) neu herauskommt - also freut man sich auch über Lemmy schießt nicht auf Blondinen. Aber es muß doch nicht in dieser postmodernen, klebrig-ironischen Aufmachung sein, mit Backcover-Sprüchen wie aus dem Unterschichtenfernsehen und einer Bio, in dem man Autor Peter Cheyney ein "ausschweiffendes" [sic!] Leben zugesteht und seine Werke als "krude Kriminalgeschichten" bezeichnet. Dann könnte man sich die "Revisited"-Neuauflage ja gleich sparen ... Andererseits: Dem Lemmy-Krimi kann auch diese krude Behandlung nichts anhaben. Also freuen wir uns lieber.

    "Schmauchspuren"

    ... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.


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  • 07/31/14--23:00: Kolumnen_ Schein-Angriff #2
  • Der platonische Schein


    Vor dieser ersten Woche Fahrschule bin ich gleich zwei gewaltigen Irrtümern unterlegen. Erstens dachte ich, daß mein Alter ein Vorteil wäre. Und zweitens, daß Verkehrsregeln logisch sind. Jetzt weiß ich, daß ich nichts weiß.

    Selbst der eingefleischteste Grünwähler kommt irgendwann auf den Punkt. Mein Punkt tauchte vor einem Jahr auf, als der Schwedenofen beim besten Willen nicht auf den Gepäckträger gepaßt hat. Also mach´ ich ihn jetzt. Das große Abenteuer. Die große Freiheit. Mobilität per Gaspedal - den Führerschein. Und das in meinem Alter!

     

    Macht man den Führerschein, wenn man weit über 30 ist - aber immer noch unter 40, das sei hier festgehalten! -, dann hat man im Laufe des Lebens ja schon einiges gesehen. Von absoluter Weisheit bin ich vielleicht noch ein, zwei Jahre weit weg, aber ich erkenne einen Volltrottel im Straßenverkehr, wenn ich ihm begegne. Aufgrund dieser während der absolvierten Lebenjahrzehnte gewonnenen Erkenntnisse ist es jedenfalls logisch, daß ich die weltbeste, am meisten qualifizierte Fahrerin überhaupt sein müßte, oder?

    Schmecks.

    Ich sitze also im IK 1 HG um 13Hundert (Hürde 1: die Kürzel. IK heißt Intensivkurs, der Rest ist nur Deko). Vor der Stunde bin ich noch ziemlich zuversichtlich, das Programm mit links zu schaffen, da mir das alle bestätigt haben, die ich mit meinem Plan konfrontiert habe: "Schaffst locker." "Des is ja a ka Atomwissenschaft." "Easy cheesy." Nach der Theoriestunde hab ich mir überlegt: Die, mit denen ich da gesprochen hab´, haben den Führerschein vor 30 Jahren gemacht, als gerade die Kopfstütze und der Sicherheitsgurt in Mode gekommen sind. Und zwar in Sigridsgstetten an der Langweil. Und ich mache den Führerschein in der Weltmetropole Wien zu einer Zeit, in der man gerade darüber nachdenkt, die Helmpflicht auch für Fußgänger einzuführen. Und besagte Freunde wollen mir erzählen, wie leicht man den Führerschein macht?

    Wenn ein Raumschiff von rechts kommt und Prinzessin Leia auf einem weißen Schimmel von links, während die Lichtanlage vor uns ausgefallen ist und Ronald McDonald den Verkehr regelt - wer hat dann Vorrang? Und darf man Raumschiffe als mehrspurige Kraftfahrzeuge bezeichnen?

    Wenn ich mit 130 km/h auf der Autobahn fahre, ist der Bremsweg 130dividiertdurch10mal130dividiertdurch10. Der Reaktionsweg ist 130dividiertdurch10mal3. Wie lange ist der Anhalteweg, der sich aus Bremsweg plus Reaktionsweg errechnet? Und wen interessiert das, wenn ich durch die kleine Rechenaufgabe so abgelenkt bin, daß Prinzessin Leia eh schon auf der Motorhaube pickt?

    Und dann wieder folgende Prüfungsfrage: Was muß ich tun, wenn ich merke, daß ich während der Fahrt müde werde? A: das Radio laut aufdrehen. B: auf der Mittelspur herumkrebsen. C: anhalten und ein Schläfchen halten. D: ein Schnapserl trinken.

    Ich schwanke noch zwischen Schnapserl und aufgeben.

    Was hat mich bloß geritten, jetzt noch den Führerschein zu machen?


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    Für keine Handvoll Dollars

    Flashman-Freunde, aufgepaßt! Vom 1. bis zum 15. August gibt es den ersten Band rund um Harry Paget Flashman als E-Book- und Hörbuch-Download kostenlos beim Kuebler-Verlag. Wer den Roman noch nicht kennt, sollte das spätestens jetzt nachholen.

    Regelmäßige EVOLVER-Leserinnen und - leser wissen, daß George MacDonald Frasers "Flashman Papers" zu den literarischen Favoriten vieler unserer Redaktionsmitglieder zählen. Die Gründe dafür erfahren Sie hier, hier und hier.

    Und weil Sie auch der Kuebler-Verlag von den unwiderstehlichen Qualitäten der Flashman-Reihe überzeugen will, gibt es "Flashman in Afghanistan" dank einer aktuellen Aktion noch bis zum 15. August als E-Book oder Hörbuch kostenlos zum Download.

    Damit haben Sie also keine Entschuldigung mehr, die Abenteuer des charmanten Hallodris nicht zu kennen.

    Wir wünschen viel Vergnügen bei der Lektüre!

    George MacDonald Fraser - Flashman in Afghanistan

    ØØØØØ

    Kuebler-Verlag (D 2011)


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    La Roux: "Uptight Downtown"


    Manchmal fragt man sich schon, was in Kritikerhirnen so vor sich geht. Müssen die was gut finden oder wollen sie es unbedingt? Oder trifft eine bestimmte Art von Musik grad so sehr den Lebensnerv des Rezensenten, daß er nicht über den Tellerrand der eigenen Befindlichkeitssuppe rausschauen kann? Dafür hätte Manfred Prescher auf jeden Fall Verständnis - und hört deshalb grad La Roux. Weil die alle gut finden.

    Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

    In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

     

     

    Wie so oft hat die beste Liebesgefährtin von allen recht. Sie lehnt im Türrahmen, während gerade "Uptight Downtown" von La Roux läuft. Die englische Künstlerin, die tatsächlich so altklug nach Disco klingt, in Wahrheit aber so alt ist wie mein Sohn und vom Samstagnachtfieber nichts mitbekommen hat, wird derzeit von den Kritikastern alloverthere über den grünen Klee gelobt. Womit eigentlich? Ein wenig mit Recht schon, finde ich, denn der Groove durchzuckt mein altersmüdes Tanzbein doch ganz kräftig. Aber irgendwie denkt es gerade "das klingt doch sehr nach Madonna" durch meine Denkmurmel. Ich singe vollautomatisch - kaum daß der Song von La Roux zu Ende ist - "Get Into The Groove". Das Stück geht dann in mir nahtlos und in bester Mixmaster-Manier in "Like A Prayer" über. Damit ich auch im nachhinein genau nachempfinden kann, wo denn bitteschön "Uptight Downtown"  herkommt.

    Und es stimmt: Im kompletten, nach dem Debüt von 2009 erst zweiten Studioalbum der vom Produzenten Ben Langmaid (Faithless) geförderten Künstlerin liegt ein riesiger Zitatenschatz. Eigentlich ist das Ganze überhaupt nur ein Haufen netter Zitate, denke ich, während die CD von La Roux zum zweiten Mal eine Laser-Behandlung bekommt. "Überall klingen die 80er Jahre durch den Disco-Sound. Ich höre da viel Eurhythmics, Human League und Depeche Mode raus." Was natürlich ein absolutes Qualitätsmerkmal ist. "Being Boiled", "People Are People" oder von mir aus auch "Sweet Dreams (Are Made Of This)" waren und sind verdammt gute Pop-Songs. Insofern müssen wir La Roux dankbar sein, denn sie hätte aus dem Zeitstrom auch andere Dinge ans Nachtlicht der Glitzerkugel zerren können. Ferkel Sharkey zum Beispiel. Gut, das war ein schaler Witz, weil der Sänger der Undertones auch ziemlich was drauf hatte. Erinnert sei hier nur an "Never Never", das er vor Jahr und Tag unter dem Namen The Assembly gemeinsam mit Vince "Ex-Depeche-Mode" Clarke aufgenommen hat. Aber es hätte auch Modern Talking statt Madonna sein können. Na, Prost Mahlzeit!

     

    Ich will den Kritikern auch nicht unrecht tun: La Roux könnte schon der Soundtrack für spätsommerliche Clubnächte sein. Disco geht ja einfach immer, wirkt immer noch nie altmodisch und bringt automatisch noch den müdesten Körper in Schwingung. Wahrscheinlich funktioniert das Ganze auf einer Strandparty ganz wunderprächtig - womit schon der Unterschied zum fünf Jahre alten Erstling beschrieben ist: dessen Sound war viel härter, technischer und metallener. Aber das ist mir im Moment völlig piepenhagen, ich bin ja hier kein Kritiker, sondern nur der Kolumnist. Ich höre grad noch einmal "Uptight Downtown" und freue mich darüber, wie der Track wieder allmählich in "Get Into The Groove" und dann in "Like A Prayer" übergeht. Jetzt muß ich das nur noch bis heute Abend konservieren - dann geht´s ab in die Disse.

    Im Auto werde ich der besten Liebespartnerin von allen La Roux vorspielen, weil sie mir im Gegenzug einen Tip gegeben hat, über was bzw. wen ich in der kommenden Ausgabe fabulieren könnte. Weil ich nämlich schon herzlich über ihn gelacht  habe. Nächste Woche schreibe ich daher hier für euch exklusiv über Friedrich Liechtenstein. Wir wissen, daß der Typ irgendwie "supergeil" ist, aber doch ein veritabel durch die Welt rollendes Rad ab hat. So. Ihr könnt derweil machen, wonach euch der Sinn steht. Aber bleibt´s dabei friedlich. Ich bin derweil gespannt, wie sie das Album von La Roux findet - und ob es für sie zum "Eingrooven" taugt. Da sie Madonna schon nicht mag, vermutlich aber nicht.

     

     

     

    Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER

    La Roux "Uptight Downtown"

    Enthalten auf der CD "Trouble in Paradise" (Polydor/Universal)

    Disco Stu - Vol. 1

    Helden für eine Nacht: Manfred Prescher stellt einen Sampler vor, den es nicht zu kaufen gibt, wohl aber geben sollte - und wagt damit einen Blick auf eine coole, bescheuerte Epoche.


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    Wien ist anders

    There´s more to a picture than meets the eye. Das sang schon Neil Young damals, als die 1980er vor der Tür standen. Er wußte nur nicht, wie recht er damit hatte. Klar: Er lebt(e) ja nicht in Wien. Denn gegen die Wiener Achtziger verblaßt selbst die Twilight Zone. Sie glauben uns nicht? Lassen Sie sich eines Besseren belehren ...

    Kennen Sie Torchwood? Department 19? Den Diogenes Club? Altrove? Mulder & Scully mit ihren X-Akten?

    Ja?

    Haben Sie schon einmal ernsthaft die Existenz von Geheimorganisationen in Erwägung gezogen, deren Sinnen und Trachten ausschließlich darin liegt, übernatürliche Geschehnisse und außerirdische Angriffe auszuforschen und gegebenenfalls (also immer) Abwehrmaßnahmen zu ergreifen?

    Nein? Sollten Sie aber.

    Denn die uns - zumeist unbemerkt - umgebenden paranormalen Phänomene sind inzwischen Legion; und die Invasionspläne der Monster-Ungustl-Universale befinden sich soeben auf einem neuen Höhepunkt. Daß derlei Top Secret-Organisationen, wie wir sie oben erwähnten, in Großbritannien, den USA und - dank der italienischen fumetti - auch im Land von giallo und Chianti gang und gäbe sind, ist hinlänglich bekannt. Daß es allerdings auch einen Ableger in Wien gibt, mag für manche Ahnungslose eine Neuigkeit sein. Von der Steiermark wissen das Eingeweihte schon länger: Dort, unterm Grazer Uhrturm, agiert die Gruppe Pantherion, die sich seit urdenklicher Zeit darum bemüht, das Grauen aus anderen Dimensionen von unserer Welt fernzuhalten. Nachzulesen ist das in der Heftserie OMEN, die sich regelmäßig "Akte X"-artiger Fälle in der steirischen Landeshauptstadt und ihrer Umgebung annimmt.

    Doch auch in Wien gab es in den 80ern eine Organisation namens Basilisk, die sicherstellte, daß Donauweibchen, Geisterbahn-Skelette, teuflische Bauchrednerpuppen und Rotlicht-Haie dort blieben, wo sie hingehörten. Obwohl die Anderen ja sowieso schon längst unter uns weilten und das immer noch tun - wer´s nicht glaubt, möge doch das Cafè Zeitstop in der Wiener Blutgasse aufsuchen. Falls er es findet. Und den Eintritt überlebt.

     

    Und da befinden wir uns schon mitten in der Welt von MORBUS: Die beiden Autoren Zöe Angel und Charly Blood schickten uns in ihren ersten beiden MORBUS-Romanheften in die höllisch pittoreske Unter- beziehungsweise Zwischenwelt der Stadt, zumeist aus der Sicht des erfolglosen Privatdetektivs Bernd Waidmann und des Gruftie-Mädels Petra Jesselmeier erzählt, die dabei ein Wien kennenlernen, das sie sich in ihren kühnsten (Alb-)Träumen nicht vorzustellen gewagt hätten. Dabei schaut ja nach außen alles so hübsch aus: Im U4 geigen die Goldfisch´, die Alternativbewegung sammelt sich (das traurige Endergebnis, die pc-Grünen, sind noch nicht erahnbar), Grufties stellen eine moderne Jugendkultur dar, und im zehnten Hieb herrscht noch nicht die Scharia. "Die gute alte Zeit" wäre man zu sagen versucht, wenn wir nicht eben von gar schauerlichen Mären erführen, die unser Weltbild wahrlich in den Grundfesten erschüttern. Denn Angel & Blood haben jetzt mit dem bei EVOLVER BOOKS erschienenen Taschenbuch MORBUS – Bei Vollmond bist du tot, das auch einen zweiten Heftroman mit dem Titel Im Bann der Mörderpuppe enthält, noch eins draufgesetzt. Nicht nur die alten Sagen sind wahr - die ganze gänsehautfördernde Wahrheit war und ist nämlich nicht da draußen, sondern im Gegenteil sehr, sehr nah.

     

    Bei Vollmond bist du tot erzählt die Geschichte grausamer Mordfälle, bei denen ein gnadenloser Killer alte Damen tötet und danach ihre Pelzmäntel schändet. Die Polizei vermutet anfangs radikale Tierschützer hinter den Morden, doch bald wird (selbstverständlich inoffiziell) Basilisk hinzugezogen, da die Lösung doch viel weiter in der Vergangenheit liegen dürfte als ursprünglich angenommen. Steckt ein Gestaltwandler hinter den Greueltaten? Verbergen sich im Tiergarten Schönbrunn übernatürliche Geheimnisse aus der Kaiserzeit? Bernd, Petra und das Basilisk-Team müssen auf jeden Fall an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen - und weit darüber hinaus.

    Der Nachfolgeroman Im Bann der Mörderpuppe beginnt in der Wiener Zuhälterszene, wo ein Machtkampf der "Strizzis" auf dem Praterstrich, am Gürtel und in anrüchigen Unterweltkaschemmen eine neue Ordnung in der Rotlichtbranche schaffen soll. Bald findet Basilisk in seiner Geheimzentrale unter dem Stephansdom jedoch heraus, daß hinter dieser Eskalation der Gewalt weder hartgesottene Messerstecher noch Pistolenschützen stecken, sondern eine lebendige Puppe, ein böses kleines Mädchen ... und eventuell noch viel mehr.

    Daß die Wiener Variante von Die Geheimorganisation vs. Das Böse nicht ohne den typisch wienerischen schwarzen Humor abgeht, liegt auf der Hand. Und dieser Humor ist zuweilen wunderbar deftig und für Menschen, die mit VoxRTLPro7Sat1KnorkeBlödmannTV sozialisiert wurden, möglicherweise auch nicht immer verständlich. Dankenswerterweise ergänzt aber ein Glossar das düster-blutige Treiben auf den Seiten davor und erlaubt es sogar dem bundesdeutschen Reichs-Rezipienten, den stimmigen Plot-twists und saftigen Dialogen zu folgen.

    Ein bissl liest sich´s ja, als hätte Dario Argento den Kottan inszeniert. Minus Klamauk. Das Ziel des Autorenteams, den klassischen Gruselkrimi wiederzubeleben, wurde auf jeden Fall mehr als erreicht. Eine leichte Suchgefahr macht sich beim Rezensenten schon jetzt bemerkbar. Operation gelungen, Patient untot.

    Seltsam, aber so steht es geschrieben.

    Zöe Angel & Charly Blood - Bei Vollmond bist du tot / Im Bann der Mörderpuppe

    ØØØØ

    EVOLVER Books (Ö 2014)

     

    (Fotos: privat)


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  • 08/05/14--22:00: Print_ Print-Tips Spezial
  • Schmauchspuren #32

    Können ausgeglichene, in Harmonie mit sich und der Welt lebende Menschen überhaupt gute Ermittler sein? Oder kann man im Abgrund nur etwas erkennen, wenn der Abgrund lang und intensiv zurückgeblickt hat? Krimikritiker Peter Hiess wird philosophisch.

    Nora Miedler - Die Musenfalle


    Ariadne/Argument Tb. 2010

    ily Sommer ist faul. Sie trinkt zuviel, kifft zuviel, hat kaum echte Freunde, geht aber mit dem Erstbesten ins Bett, wenn ihr danach ist. Eine Schlampe, könnte man sagen. Aber Moment - sind das nicht genau die Eigenschaften, die wir Krimileser an unseren abgehalfterten Privatdetektiven und Noir-Helden so bewundernswert finden?

    Die Österreicherin Nora Miedler spielt in ihrem zweiten Roman Die Musenfalle mit Erwartungen: Ihre Protagonistin Lily ist nicht einmal eine richtige Detektivin, sondern eine Möchtegern-Schauspielerin, die in einer WG haust und nach einem Job in der Geisterbahn endlich einen Zweijahresauftrag fürs Werbefernsehen in Aussicht hat. Natürlich schläft sie gleich mit dem Chef der Firma, für die sie werben soll; eh nichts Besonderes, aber ihr war halt grad danach. Und natürlich wird der kurz danach umgebracht (so wie sein guter Freund, ein prominenter Anwalt), und die Polizei steht vor Fräulein Sommers Tür. Jetzt liegt es an ihr, das Rätsel zu lösen, zusammen mit dem Sohn des Ermordeten und einem versoffenen Fast-Oscar-Preisträger, der in einer Detektei aushilft.

    Die Musenfalle ist - trotz etwas zu häufiger Erzählerwechsel - noch besser als Miedlers Debüterfolg Warten auf Poirot, weil die Autorin stets überrascht: Die scheinbare Auflösung zielt auf ein aktuelles, zu oft verwendetes Krimiklischee, aber dann ist erfreulicherweise doch wieder alles anders. Ein Twist folgt dem anderen, ohne je zu nerven, unwahrscheinliche Konstellationen treffen auf radikale Lösungen, und der Schluß ist so finster, wie man sich das nur wünschen kann. Ein neuer Höhepunkt der deutschsprachigen Krimiszene.

    Russell Atwood - Losers Live Longer


    Hard Case Crime (Dorchester Publ.) 2009

    Apropos abgehalfterter Privatdetektiv: Genau das ist auch Payton Sherwood, der zweifelhafte Held des 59. Bandes der US-Reihe Hard Case Crime. Allerdings handelt Russell Atwoods Roman Losers Live Longer im New Yorker East Village, wo der Ermittler in seinem fast leeren Büro auf Aufträge wartet. Und dann kommen gleich mehrere auf einmal: Ein legendärer Private Eye im Ruhestand hat einen Beschattungs-Job für ihn, kommt aber vor Sherwoods Haustür ums Leben; ein Millionär will seinen gestohlenen iPod zurück; ein flüchtiger Wirtschaftsverbrecher soll geschnappt werden - und zwischendurch gibt´s noch tote Fernsehstars, osteuropäische Kinderpornoringe und jede Menge fatale Damen. Wäre Payton nicht so ein Verlierer, dann wäre er tatsächlich längst tot ...

    Jonathan Nasaw - Der Sohn des Teufels


    Heyne Tb. 2010

    Das scheint auch das Motto dieser Kolumne zu werden: Verlierer bringen es einfach viel weiter, zumindest in der aktuellen Thriller-Szene - und zwar nicht nur als Kriminalisten, sondern auch als Mörder. Man nehme nur Jonathan Nasaws neues Werk Der Sohn des Teufels. Da ist der vorgebliche Rachekiller ein White-Trash-Bub, der immer nur Pech hatte; der FBI-Agent ein dicker, schlechtgekleideter Mensch mit einer Vorliebe für Spirituosen und Junk-Food; das ganze Land eine Brutstätte für Psychopathen und Unfähige. Und der Verlag Heyne kommt daher, gibt The Boys From Santa Cruz diesen irreführenden Titel, versucht das Buch im Klappentext als x-te Variante auf Das Schweigen der Lämmer und "Einblicke in den Kopf eines Serienmörders" zu verkaufen und liefert eine Übersetzung, die zu eng am Original pickt. So kriegen Taschenbuchkrimis den Ruf, Massenware für Loser zu sein.

    Gerhard Loibelsberger - Reigen des Todes


    Gmeiner 2010

    Sind Sie aber natürlich nicht - sie müssen nur gut geschrieben und pfleglich lektoriert sein - wie zum Beispiel Reigen des Todes, Gerhard Loibelsbergers historischer Kriminalroman aus dem alten Wien, erschienen im auf Regionalkrimis spezialisierten Gmeiner-Verlag. Auch hier wird viel gegessen, getrunken und im Kaffeehaus schwadroniert, aber in Wien darf man das nicht nur, da muß man das. Die Story um die am Donaukanal aufgefundenen Leichenteile, Sandler, Gerichtsreporter und den beleibten Kriminalinspector Nechyba ist dabei trotzdem witzig, glaubwürdig und informativ, vor allem, wenn man sich für Lokalhistorie interessiert. Mehr als ein Geheimtip!

    Gemischtes Doppel

    Wenn Sie jetzt noch wissen wollen, was Ihr Krimirezensent in den Sommerferien erlebt hat: Er hat - viel zu spät - John Connollys großartige Romane um den Expolizisten Charlie Parker (nein, der hat mit Jazz überhaupt nichts zu tun) und dessen Kampf gegen das Böse entdeckt und liest sie jetzt in der richtigen Reihenfolge und im Original, angefangen mit Every Dead Thing. Wenn Sie diese Serie bisher auch verpaßt haben, sollten Sie dringend etwas dagegen tun.

    Ebenfalls zur Pflichtlektüre wurde die Website von Mulholland Books, dem neuen Krimi-Imprint des US-Verlags Little, Brown & Co. Der Erstling der vielversprechend anspruchsvollen Mulholland-Reihe wird zwar erst im April 2011 erscheinen, doch schon seit August gibt es an jedem Werktag einen Artikel von oder ein Interview mit den besten zeitgenössischen Krimiautoren über ihre Werke, ihre Arbeit, die Kollegen oder das Genre im allgemeinen. Bitte täglich hinklicken auf: www.mulhollandbooks.com

    "Schmauchspuren"

    ... erscheint in gedruckter Form seit 2005 in der höchst empfehlenswerten österreichischen Literaturzeitschrift "Buchkultur" - für Menschen, die beim Lesen noch nicht die Lippen bewegen müssen - und wird zeitversetzt Web-exklusiv im EVOLVER veröffentlicht.


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    Disharmonischer Garten

    Die zwei Sommerkonzerte, die der EVOLVER-Klassikexperte 2014 besuchte, hätten nicht unterschiedlicher sein können: Beim ersten brillierten die niederösterreichischen Tonkünstler trotz eines eher nichtssagenden Dirigenten, beim zweiten spielten nicht gerade hochwertige Bläser ein weltberühmtes Kammerensemble fast in den (musikalischen) Abgrund.

    Die Grafenegger Musikveranstaltungen, die auf die "Sommerkonzerte" und auf das "Grafenegg Festival" aufgeteilt sind, befinden sich mittlerweile im siebten Jahr ihres Bestehens. Mit der immer wieder begeisternden Open-Air-Bühne "Wolkenturm" und dem Konzertsaal "Auditorium" ist das Schloßgelände am Wagram eine nicht mehr wegzudenkende Institution auf dem Klassik-Sektor.

    Intendant Rudolf Buchbinder, ein phantastischer Pianist und ebensolcher "Networker", schafft es immer wieder, die besten Künstler und Ensembles an den idyllischen Ort zu holen. Dort werden dann Konzerte auf höchstem Niveau gegeben; in diesem Bereich sind die Grafenegger Veranstaltungen den Salzburger Festspielen zumindest ebenbürtig.

    Zu Beginn der Saison stehen die Sommerkonzerte auf dem Programm, die nicht so hochrangig besetzt sind wie das spätere Festival. Die zwei heuer besuchten Veranstaltungen dieses Teils waren das Konzert der Tonkünstler mit dem Titel "Pini di Roma", gefolgt von "Mozart & More" mit dem weltberühmten Orchester Il Giardino Armonico.

     

    Das 1985 gegründete italienische Originalklang-Ensemble gilt unter Barockspezialisten als eines der besten seiner Art. Unter dem musikalischen Leiter Giovanni Antonini war es bereits 2011 zu Gast in Grafenegg - damals noch als reine Streicherformation mit Antonini als Dirigent und formidablen Blockflötensolisten. Diesmal trat es als Orchester mit Bläsern und Antonini bloß als Dirigent in Erscheinung; dazwischen lagen nicht nur drei Jahre, sondern ganze Welten.

    Die Bläser waren nämlich offenbar nicht wirklich gut vorbereitet und absolut nicht auf dem Niveau ihrer Streicherkollegen. Ob Oboen oder Hörner - sie spielten stimmungsmäßig (also in der Tonhöhe) und rhythmisch unsauber bis schlichtweg falsch und unmusikalisch. Die großartige Geigerin Isabelle Faust hatte offensichtlich Mühe, die beiden Mozart-Violinkonzerte ordentlich "durchzubringen". Erst bei der Zugabe (Bach) konnte man ihren unvergleichlichen Ton und ihre grandiose Musikalität genießen.

    Über die "kleine g-moll Symphonie" (Nr 25 KV 183) sollte man besser den Mantel des Schweigens hüllen. Die Bläser spielten das Trio des Menuetts in Grund und Boden; ein Schulorchester hätte es nicht schlechter gemacht. Auch Maestro Antonini war dieses Mal offenbar nicht so wirklich in Form. Schade ... von diesem Weltklasse-Ensemble hätte man sich schon mehr erwartet.

     

    In altbekannter Qualität überzeugten jedoch die niederösterreichischen Tonkünstler als Hausorchester der Grafenegger. Ursprünglich war ja Chefdirigent Orozco-Estrada geplant, er wurde jedoch kurzfristig durch den gebürtigen Mallorquiner Antonio Méndez ersetzt. Den 30jährigen Dirigenten kann man ruhig als hochbegabt bezeichnen - in gewissen Punkten fehlt ihm allerdings noch der Feinschliff, den er sich sicher im Laufe der Jahre aneignen wird.

    Das war deutlich bei Richard Strauss´ "Till Eulenspielgels lustige Streiche" zu hören, das sehr ordentlich musiziert wurde. Was leider fehlte, waren die burlesken und zynischen Einwürfe, die Mendez mit den Musikern vielleicht besser herausarbeiten hätte sollen.

    Großartig klangen auch die Oboenkonzerte von Pasculli und Richard Strauss mit dem hervorragenden französischen Oboisten François Leleux. Der exzellente Solist brillierte sowohl bei den Donizetti-Opernthemen als auch bei Strauss´ Alterswerk. Das Oboenkonzert, das der Komponist nur vier Jahre vor seinem Tod schrieb, ist ein Kompendium von Altersweisheit und Genialität. Da merkte man Leleux´ großartiges Können und Musikalität.

    Am Schluß des Konzerts konnte das Orchester mit Respighis "Pini di Roma" brillieren. Die Tondichtung, die vier willkürliche Szenen vertont, ist ein berauschend effektvolles Stück, mit dem ein Erfolg für Orchester und Dirigent fast garantiert ist. Die Musiker spielten das Werk auch hervorragend, wobei es etwas schade war, daß gerade die Möglichkeiten des vierten Teiles "verschenkt" wurden. In den "Pini della Via Appia" hätte Mendez das Orchester ruhig mehr auftrumpfen lassen können - das Stampfen der Pferde und Elefanten hätte man in Grafenegg gern so richtig gehört!

    "Pini di Roma"

    ØØØØ
    Orchesterkonzert am 12. Juli 2014 im Auditorium

    Richard Strauss: "Till Eulenspiegels lustige Streiche"

    Antonio Pasculli: Konzert für Oboe und Orchester nach Motiven aus der Oper "La Favorite" von Gaetono Donizetti

     

    Richard Strauss: Konzert für Oboe und Orchester

    Ottorino Respighi: "Pini di Roma" - Symphonische Dichtung

     

    François Leleux, Oboe

     

    Tonkünstler-Orchester Niederösterreich/Antonio Mendez

     

    (Photo: Uwe Arens/Sony Classical)

    "Mozart & More"

    ØØ 1/2
    Orchesterkonzert am 26. Juli 2014 im Wolkenturm

    Christoph Willibald Gluck: "Don Juan"-Suite aus der Ballett-Pantomime

    Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Violine und Orchester D-Dur KV 218

     

    Wolfgang Amadeus Mozart: Konzert für Violine und Orchester B-Dur KV 207

    Wolfgang Amadeus Mozart: Symphonie Nr. 25 in g-moll KV 183

     

    Isabelle Faust, Violine

    Il Giardino Armonico/Giovanni Antonini

     

    (Photo: Decca/David Ellis)


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    Kennste einen, kennste alle

    Seit Jahren schreibt Harlan Coben nach ein- und derselben Masche. Die neuen Thriller aus der Feder des US-Erfolgsautors haben deshalb kaum eine Überraschung zu bieten. "Ich finde dich" ist da keine Ausnahme.

    Diesmal ist es der junge, gutaussehende College-Professor Jake Fischer, der eine wunderbare Beziehung mit Nathalie führt, bis die Gute ihm Knall auf Fall erklärt, sie werde doch lieber ihren Ex-Partner Todd heiraten. Damit nicht genug, ringt sie Jake das Versprechen ab, sie nie wieder zu behelligen. Kein Anruf, keine SMS, keine Email, gar nichts.

    Sechs Jahre vergehen, in denen Jake seine große Liebe zwar nicht vergessen, aber sich mit seinem Verlust arrangiert hat. Bis er per Zufall Todds Todesanzeige liest. Damit, denkt er sich, dürfte sein Versprechen hinfällig sein. Er versucht Nathalie zu kontaktieren.

    Seltsamerweise ist die trauernde Witwe an Todds Grab eine ganz andere Frau - und kein Mensch hat je von Nathalie gehört. Sie ist, man ahnt es schon, spurlos verschwunden.

    Wie? Wohin? Warum? lauten die drei zentralen Fragen, die Jake fortan beschäftigen und in einen Strudel immer neuer, aberwitziger Wendungen reißen.

     


    Selbst die Ausgangslage des neuen Harlan Coben-Thrillers unterscheidet sich nur marginal von seinen Vorgängern: Menschen wie du und ich führen ein ganz normales Leben, eine glückliche Beziehung mit glücklichen Partnern und glücklichen Kindern - bis zu jenem Tag, an dem eine dieser Personen verschwindet, vermißt oder entführt wird.

    Über Jahre fehlt jede Spur von ihr, sodaß die Hinterbliebenen den Verlust zu akzeptieren lernen, ohne daß sie den Verschwundenen aus ihrem Gedächtnis streichen - bis es durch Zufall Anzeichen dafür gibt, daß besagte Person noch lebt, aufgetaucht ist, möglicherweise sogar zurückkehren könnte. Und plötzlich wird aus dem ganz normalen Leben der "Hinterbliebenen" ein Abenteuer mit aberdutzenden Wendungen, die so vorhersehbar daherkommen wie der lebensbedrohliche Showdown, bei dem der Verschwundene in allerletzter Sekunde auftaucht, um seinen Angehörigen aus der Patsche zu helfen.

    Für Leser, die keinen Coben-Roman kennen, mag "Ich finde dich" durchaus eine abwechslungsreiche Sommerlektüre darstellen. Für alle anderen ist es ermüdend.


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